Aus den Erzählungen der Vanera:

Außer den Göttern und Dämonen gibt es noch eine Unsterbliche, nämlich Skadi, die Hohepriesterin der Turag, die ihrer Göttin an Schrecklichkeit gleichkommt. Um sich in ihrem langen Leben zu zerstreuen, ließ sie oftmals die Götter spüren, daß ihre Macht nicht geringer ist. So begab sie sich eines Tages im Nördergebirge, wo sie den höchsten Gipfel bestieg, der der Wohnsitz der Windgöttin Shalani und des Regengottes Vulan ist. Damals war Skadi noch sehr jung und trug noch keine Maske, und sie stand Emariel in Schönheit nichts nach.

Als sie den Gipfel erreichte, hatte sich Shalani gerade den Sturmmantel um die Schultern geworfen und war nach Westen geflogen, um sich die Sturmwinde über dem Meer austoben zu lassen. Vulan war allein in ihren Palast und ließ die Besucherin eintreten.

Als er die Hohepriesterin in ihr aufregendes Gewand erblickte, fand er sie so schön, daß er Shalani darüber vergaß und mit Skadi eine Liebesnacht verbrachte. Doch da kam die Windgöttin zurück und überraschte die beiden. Voller Eifersucht wollte sie einen Zauber gegen ihre Rivalin sprechen, aber Skadi kam ihr zuvor und ließ sie in einen tiefen Schlaf versinken, aus dem sie erst nach einem ganzen Monat erwachte.

Als Shalani dann erwachte, ließ sie ihren Zorn den freien Lauf und fünfzig Tage lang gab es die schrecklichste Sturme die die Menschen je erlebt hatten. Vulan war inzwischen geflohen und versteckte sich vor Shalani, bis sie ihre Wut ausgetobt hatte. Skadi dagegen war in ihren Tempel zurückgekehrt und lachte noch lange über ihren Streich, wußte aber auch, daß sie seitdem eine neue Feindin hatte, die bei jedem Aufeinandertreffen versucht sein würde, die ihr angetane Schmach zu rächen.

*

Seit sie sich in der Toten Zone befanden, hatte sich das Tempo der Krenat verlangsamt. Der beschwerliche Weg, die Temperaturen, der Mangel an Wasser und Nahrung machte sich bemerkbar. Oftmals mußten sie eine kurze Rast einlegen, damit die Entkräfteten weiter konnten, denn nicht alle fanden Platz auf den wenigen Pferden, die sie abwechselnd ritten.

Als Fleet müde im heißen Sand saß und sich mit der Salbe, die die Magier verteilt hatten, Gesicht und Arme einrieb, um die Schmerzen des Sonnenbrandes zu lindern, traten die beiden an ihre Seite.

Herrin, sagte Gniwuo Hskil so leise, daß kein anderer es hören konnte, Herrin, wir spüren daß sich große Gefahr nähert.

Was für eine Gefahr? Etwa Pardos?

Nein, antwortete Negird"Un Kest. Da unsere Kräfte dir hier nicht dienen können, wissen wir es selbst nicht. Aber gewiß geht die Gefahr nicht von Pardos aus.

Hm! überlegte Fleet. Am besten sagen wir Jansur bescheid, daß wir noch wachsamer sein müssen. Alle sollen ihre Waffen bereithalten.

Jansur war skeptisch, als sie ihm die Worte der Magier mitteilte.

In der Toten Zone gibt es nichts, was uns gefährlich werden kann. Ich glaube, deine beiden Zwerge sind nur zu müde, um weiterzulaufen und wollen umkehren. Und selbst wenn noch andere auf dem Weg nach Pardos sind... wir sind vorsichtig und wissen, uns zu wehren.

Fleet, die sich über seine abfälligen Worte über die Magier ärgerte, ließ ihn stehen. Sie glaubte der Warnung und spähte wachsam in alle Richtungen, als sie weiterzogen. Plötzlich schrie jemand auf.

Da!

Fleets Kopf flog herum. Alle starrten auf die kleine Anhöhe. Dort standen sieben Reiter, die auf sie herabblickten. Auf Jansurs Befehl traten die Bewaffneten in Kampfstellung schützend vor die übrigen.

Gniwuo Hskil und Negird"Un Kest zitterten.

Sie ist es! jammerten sie. Sie! Ausgerechnet sie! Nun müssen wir sterben...

Nehmt euch zusammen! fuhr Fleet die beiden an. Wer ist das? Warum fürchtet ihr euch so sehr?

Das ist Skadi, wimmerte Gniwuo Hskil, die Hohepriesterin der Turag. Sie ist eine viel mächtigere Zauberin als wir. Die Todesgöttin verlieh ihr ewiges Leben, und es gibt nichts, womit man sie töten kann.

Das wollen wir doch mal sehen!

Fleet riß das Schwert aus der Scheide, besessen von dem Verlangen, gegen die Hohepriesterin zu kämpfen. Sie trat einen Schritt vor, wurde aber von Jansur zurückgerissen.

Hierbleiben, Mädchen! Erst müssen wir wissen, was sie wollen.

Er erschrak, als er das wilde Funkeln in ihren grünen Augen entdeckte, und seine Finger glitten von ihrem Arm ab, doch Fleet gehorchte und ließ die Waffe sinken, selbst erstaunt über ihren plötzlichen Haß auf die Priesterin, die sie nur aus wenigen Erzählungen kannte, mit denen man die kleinen Kinder erschreckte, wenn sie unartig waren. In diesem Moment ritten die Fremden langsam zu ihnen hinunter.

Es sind Vanera, wurde getuschelt. Es sind Soldaten des Königs.

Wenige Schritte entfernt blieben sie stehen. Ihr Anführer hob die Hand zum Gruß. Er war groß und athletisch gebaut. Kurzes, schwarzes Haar spritzelte unter dem Helm hervor. Er trug eine schimmernde Rüstung und schwere Waffen, die er gewiß zu gebrauchen wußte.

Hinter uns liegt ein weiter Weg. Wasser und Proviant sind aufgebraucht. Wir sind müde und wollen keinen Kampf. Da wir das gleiche Ziel haben, möchten wir uns euch anschließen und, was ihr an Vorräte entbehren könnt, bitten wir euch, mit uns zu teilen.

Wir haben selbst wenig, entgegnete Jansur, aber für einige Männer mehr wird es schon noch reichen.

Nein, schrie Fleet, es sind unsere Feinde! Sie werden versuchen, uns zu überlisten, wenn wir Pardos erreichen.

Sie sprang auf Skadi zu und hob das Schwert.

Wir brauchen euch nicht, geht weg! Und du, fahre hinab in die Unterwelt zu deiner Herrin!

Da geschah etwas seltsames. Aus der Waffe drang ein gleißender Strahl, der das Pferd und die Priesterin einhüllte. Doch Skadi lachte nur, als das Tier seine wahre Gestalt, die eines riesigen, grauen Wolfes aus dem Totenreich, annahm. Behende schwang sie sich von seinem Rücken und zückte ihren Dolch, der sich in ein rotglühendes Schwert verwandelte, das wie eine Feuerzunge Fleet entgegenzüngelte.

Ich nehme deine Herausforderung an, Shalani. Gewinne ich, erhalten die Soldaten was sie benötigen. Und ich... ich will dein Schwert. Verliere ich, ziehen wir uns zurück.

Einverstanden, sagte Fleet siegessicher, der es nicht aufgefallen war, daß Skadi sie mit dem Namen der Windgöttin anredete.

Sofort begann der Kampf. Keiner der Krenat wagte einzugreifen, um nicht selbst verletzt zu werden oder Fleet zu gefährden. Sie kämpfte so gut, wie es Jansur noch nie bei einen Menschen gesehen hatte - und das nur nach wenige Tage Unterricht von Kyrdo. Wie war das nur möglich?

Skadi dagegen schien nur zu tanzen. Ihre Waffe wirbelte umher wie die bunten Bänder der Mädchen bei einem Festtanz. Sie wehrte ab, machte eine Finte, stach zu, und alles so schnell und geschmeidig... Plötzlich flog Fleets Schwert in Skadis Hand. Alle waren still.

Du hast gewonnen, flüsterte Fleet und hatte das Gefühl, daß irgend etwas in ihrem Innern nicht mehr da war. Mit gesenktem Kopf erwartete sie den Todesstoß, aber Skadi ließ die Waffe sinken.

Ich werde dich nicht töten. Mit dir hat das Schicksal etwas anderes vor.

Ein Seufzer der Erleichterung ging durch die Reihen der Krenat als Fleet unverletzt aufstand und sich vorsichtig aus der Nähe von Skadi zurückzog. Jansur trat wieder hervor. Wenn er von den Ereignissen beeindruckt war, ließ er es sich nicht anmerken. Er sah sich nur kurz nach Fleet um und wendete sich dann an den Anführer der Vanera, der sich durch den roten Umhang und den mit einem Wolf verzierten Schild von seinen Soldaten unterschied.

Bitte, folgt uns bis zu den Felsen, sprach er. Dort werden wir während des Tages bleiben und uns ausruhen. Wir werden unsere Vorräte mit euch teilen.

Es herrschte bedrücktes Schweigen. Sowohl Krenat als auch Vanera waren von dem kurzen Kampf tief beeindruckt.

Als Isana bemerkte, daß sich Fleet von allen zurückgezogen hatte, setzt sie sich zu ihr.

Es war sehr tapfer von dir, gegen Skadi zu kämpfen, sprach sie. Ich habe von ihr aus Erzählungen der Kaufleute gehört: Sie ist die Hohepriesterin der Turag. Es wird behauptet, daß ihr die Todesgöttin ihre ganze Macht leiht. Sie kann von keinem Menschen besiegt werden!

Fleet sah nur kurz auf, als Isana sie ansprach, drehte dann aber der Frau einfach den Rücken zu und entfernte sich. Isana sah ihr verwundert nach, zuckte mit den Schultern und ging zur Essensausgabe.

Wenn sie in Fleets Gedanken hätte lesen können, wäre sie überrascht gewesen. Fleet verstand selbst am wenigsten, weshalb sie die Priesterin angegriffen hatte. Es war ihr als hätte nicht sie, sondern jemand anderes ihr Denken und Handeln beherrscht. Jetzt fühlte sie sich plötzlich leer, als wäre ihr ein Stück von ihrem Selbst genommen worden.

Sie war so in Gedanken versunken, daß sie Gniwuo Hskil erst bemerkte, als er an einem ihrer Ärmel zog.

Ich habe für dich eine Extra-Portion mitgebracht, lächelte der Magier, um sie aufzumuntern. Nach einen Kampf mit dem Bösen wirst du sie bestimmt brauchen!

Fleet nahm den Teller an, sagte aber auch weiterhin nichts. Sie sah Gniwuo Hskil nur stumm an, bis er sich endlich umdrehte und sich zu Negird"Un Kest gesellte. Lustlos stockerte sie in ihrer Mahlzeit herum.

Sie bemerkte die Erregung des Zwerges, konnte sich aber die Ursache dafür nicht erklären. Überhaupt hatte sie das Gefühl, kaum noch etwas zu verstehen. Während sie ohne Begeisterung aß, gingen ihre Gedanken immer nur im Kreis herum: Was taten sie hier - sie suchten Pardos. Weshalb suchten sie Pardos - weil sie auf der Flucht von den Kristallkriegern waren. Was aber hatten die Kristallkrieger mit Pardos zu tun? Wieso wurden sie überhaupt angegriffen?

Sie konnte sich an alle Fakten, an alle Einzelheiten ihrer Flucht erinnern - aber irgendwie konnte sie den Zusammenhang nicht mehr erfassen. Fleet fühlte sich wie betäubt, wußte aber nicht, was sie dagegen tun sollte.

*

Sobald die Sonne sich dem Horizont entgegen senkte, brachen die Krenat und Vanera auf. Skadi zeigte ihnen die genaue Richtung, wo Pardos lag. Statt wie üblich ganz vorne zu marschieren, befand Fleet sich näher dem hinteren Ende der Gruppe. Wieder war es Isana, die sich zu ihr gesellte.

Fleet!, sprach sie leise. Fleet! Was ist mit dir?

Als das Mädchen aus Brae wieder nicht reagierte, versuchte sie es noch einmal.

Fleet, hörst du mich? Was hat Skadi denn mit dir angestellt? Erkennst du mich nicht mehr? Ich bin es, Isana!

Endlich blickte Fleet auf. Zum ersten Mal seit dem Kampf sah Isana wieder etwas Leben in ihren Augen.

Ich weiß nicht, stöhnte sie. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich fühle mich nur so leer. Ich verstehe nicht einmal was ich hier mache. Am liebsten würde ich einfach sitzen bleiben. Welchen Sinn hat dieser Marsch? Ist Pardos nicht vielleicht nur ein Hirngespinst?

So darfst du nicht reden, widersprach Isana energisch. Du warst ja immer der wichtigste Verfechter für die Suche nach Pardos. Wir alle sind nicht nur Jansur sondern vor allem dir in die Tote Zone hinein gefolgt. Fleet, wir brauchen dich!

Nein, ich bin keinem mehr von Nutzen. Ich habe sogar meines Vaters Scwwert verloren. Laßt mich hier zurück, damit ich in Ruhe sterben kann. Mein Leben hat keinen Sinn mehr.

Während sie das sagte, blieb Fleet stehen, und ließ sich einfach auf den heißen Boden sinken. Einer der Männer, die den Abschluß bildeten, gab einen kurzen Warnruf, und Jansur ließ die Gruppe anhalten.

Zusammen mit Jansur erreichten auch die beiden Magier Fleet. Sie sahen einander nur kurz an, bevor Negird"Un Kest sprach.

Es ist der Einfluß der Toten Zone, sagte er leise. Wir haben davor gewarnt, aber wir ahnten nicht, daß er schon so bald einsetzen würde.

Ich hätte keiner Frau gestatten sollen mitzukommen, sagte Jansur ärgerlich. Was können wir gegen diesen Einfluß tun?

Gegen die Tote Zone können wir nichts unternehmen, antwortete Gniwuo Hskil. Wir werden sie mitnehmen müssen, bis sie wieder zu sich kommt!

Die Vanera hatten sich zurückgehalten, aber jetzt trat auf ein Zeichen Lardos einer der Soldaten hervor.

Lege sie auf mein Pferd, sagte er. Keiner von euch hat genügend Kraft, sie zu tragen.

So setzten die Wanderer sich wieder in Bewegung, aber auf einmal war jeder wachsam und fragte sich, wer der Nächste sein würde.

*