Aus den Tempelchroniken von Kenzai:
Cyneras siegreiche Kristallkrieger hatten bereits weite Gebiete im Nordosten erobert. Schnee und Eis deckten das Land und alles Leben zu. Doch dann gewahrte die gefallene Göttin, daß es einen Ort gab, den die Kristallkrieger mieden: Calderon. Sie sandte einen Schneesturm, der Turags Heiligtum verwüstete und ihren Zauber brach. Nun lag auch Calderon unter einer dicken Schneedecke, und Cynera triumphierte.
Zu spät bemerkte Turag, was geschehen war. Sie hatte gerade den Raub eines ihrer Schätze entdeckt, und die schuldigen Seelen bestraft. Aufs höchste erzürnt, beschloß sie, den Tronen zu wecken und nach Norden zu schicken, damit er Cyneras Reich verwüstete
In Kenzai trafen die ersten Schreckensmeldungen ein. Berittene Boten brachten aus dem Süden des Reiches die Nachricht vom Erwachen des Tronens. Besorgt vernahm sie Shyakul im Kreis seiner Ratgeber.
Der Riese scheint auf dem Weg nach Do zu sein. Jedenfalls wird er dort die Etug überqueren, wenn er seine Richtung nicht ändert. Inzwischen hat er schon Olin erreicht und mit jedem Schritt die Dörfer, Felder und Wälder zertrampelt. Hat er Hunger, fängt er Menschen oder Tiere und frißt sie. Aber auch in der näheren Umgebung richten die Winde, die seine Atemzüge und Bewegungen erzeugen, immensen Schaden an. Wieviele Menschen er bereits getötet hat, ließ sich noch nicht feststellen.
Er wird Kenzai also nicht in Gefahr bringen
, stellte Shyakul fest. Was schlagt ihr vor, sollen wir gegen den Tronen unternehmen?
Gar nichts
, meinte einer seiner Günstlinge, denn er wird das Land schon bald verlassen haben.
Sollen sich die Krenat um den Tronen kümmern
, stimmte ihm ein anderer zu. Es würde nur das Leben vieler Soldaten kosten, denn wie sollen wir ihm aufhalten? Möglicherweise würde das seinen Zorn erregen und ihn nach Kenzai locken.
Das er seine Richtung vielleicht doch noch ändert, sollte man aber in Betracht ziehen. Es wäre sicherer, Soldaten in seine Nähe zu senden, die ihm notfalls so lange aufhalten, bis wir Kenzai verlassen haben.
Shyakul nickte dem Sprecher zu.
Eine gute Idee, Ulnor. Veranlasse, daß zwei Regimenten nach Olin aufbrechen.
Was ist mit den Bauern, die zwischen Olin und Do leben?
fragte einer. Sollte man sie nicht warnen und evakuieren? Und die Ernte?
Wir haben genug, um über den Winter zu kommen
, meinte der erste Sprecher. Wenn es sein muß
, er grinnste, können wir es auch bei den Krenat holen. Rettungsaktionen würden nur unser Heer zersplittern.
Eine Woche verging, und Shyakul ließ sich einmal am Tag von den neuen Nachrichten bezüglich den Tronen informieren. Der Riesen hatte tatsächlich bei Do den Etug überquert und befand sich jetzt also im Land der Krenat. Es wurde immer deutlicher, daß er in die Richtung wanderte, von woher die Berichte über die aufrückenden Kristallkrieger kamen.
Ulnor hatte heute gerade seinem Bericht beendet, als ein Diener im Raatsaal eintrat. Er verneigte sich, und sagte, Lardo sei zurück und möchte Bericht erstatten.
Shyakul mußte einen Augenblick nachdenken, wer denn Lardo war, aber dann erinnerte er seinen Traum und Skadi, die daraufhin aufgebrochen war.
Schickt ihm hinein!
sagte er, und sah Ulnor an, der als einer seiner engsten Vertrauten auch von die Mission Lardos wußte. Aber Ulnor zuckte nur mit den Schultern, offerbar überraschte die Rückkehr Lardos ihm genau so sehr.
Lardo trat ein und berichtete ganz genau, was ihm auf seine Reise mit Skadi widerfahren war. Er berichtete von der Durchquerung der Tronen, die Fiebersümpfe und Hungerwüste, die Begegnungen mit den Krenat und den Seefahrer, von der Tote Zone und Pardos. Er berichtete von den Prüfungen, wie Skadi der Schlüssel gefunden hatte, und wie sie ihm später an Fleet übergeben hatte. Er berichtete von ihre Warnung und von die Rückreise, wie sie nach dem Erwachen der Tronen schon bald die Pferde wiedergefunden hatten, und wie sie über Do auf dem schnellsten Weg nach Kenzai zurückgekehrt waren.
Nur eines ließ er aus: Skadis Geheimnis wollte er nicht verraten. Auch als Shyakul ihm fragte, was das Schreckliche war, das er gesehen hatte, gab er nur eine ausweichende Antwort, und der König stellte sich damit zufrieden.
Als er geendet hatte, sah Shyakul ihm lange nachdenklich an. Dann fragte der König: Warum hast du den Schlüssel nicht mitgebracht?
Die Hohepriesterin hatte ihm Fleet überreicht.
Du hättest sie ihr abnehmen können.
Ja.
Überhaupt habe ich den Eindruck, du hast nicht wirklich versucht, meinen Interessen zu wahren, wie dir befohlen war.
Lardo war von dieser Vorwurf überrascht, er hatte Lob für all das, was er herausgefunden hatte, erwartet.
Aber, mein König...
begann er.
Ja?
Lardo wußte, daß es keinen Sinn hatte, sich auf Ehre oder Menschlichkeit zu berufen, denn Shyakul kannte die Bedeutung dieser Worte überhaupt nicht. Also senkte er nur sein Kopf und schwieg.
Du kannst gehen
, sagte der König nur.
Lardo spürte die Demutigung, aber wagte dennoch eine Frage.
Was ist mit der Warnung der Hohepriesterin? Sollten wir nicht ein Heer gegen die Kristallkrieger aufstellen?
Du solltest gehen.
Lardo hatte auf dem Weg zum Palast erfahren, wie der König auf das Erwachen des Tronen reagiert hatte, und er verstand, daß Shyakul nichts gegen die Kristallkrieger unternehmen würde, solange er nicht selbst bedroht wurde. Gesenkenen Hauptes verließ er den Palast.
Stundenlang wanderte er durch die Stadt, bis er vor der Westpforte stand. Vor sich sah er den dunklen Umrisse des Tempels Turags im Licht der untergehende Sonne. Er kaufte sich bei einem Händler das frische Herz eines Rindes und ging zum Tempel.
Wer ist da
, wurde ihm von einem Tempeldiener gefragt.
Ich bin Lardo, einem Soldaten im Dienst des Königs. Ich möchte zu Turag beten.
Einem kleinen Tür im großen doppelten Tor öffnete sich und Lardo trat ein. Es war kein Mensch zu sehen, aber er hatte schon öfters hier gebetet und wußte, was er tun sollte. Ohne die Kopfe der Geopferten zu beachten, wandte er sich zu einer der kleinen Nischen in dem Wand und betete das noch von Blut tropfende Herz hinein. Dann senkte er sich auf der Knie und fing an zu beten.
Lardo fragte der Göttin, was er tun sollte. Er hoffte, daß er im kommenden Nacht einen von Turag gesandte Traum haben würde, in dem sie ihm Rat geben würde. Morgen würde er dann wieder zum Tempel gehen, und sich den Traum deuten lassen.
Es überraschte ihm deshalb, als er eine Stimme in seinen Kopf hörte, die er als die Stimme Skadis zu erkennen glauben. Das einzige, was sie sagte, war Der Greif lebt
.
Verstört zog Lardo sich in die Stadt zurück uns suchte einem Schank auf. Der Greif lebt
, dachte er, was soll das den bedeuten?
Und nach zwei Pokale mit dem starkem Bier glaubte er, sich die rätselhafte Worte nur eingebildet zu haben.
Später kamen auch Isana und Blautiger in dem Lokal und setzten sich zu Lardo. Lardo erzählte ihnen, wie er von Shyakul behandelt worden war, und wie gedemütigt er sich fühlte.
Was wirst du jetzt machen
, fragte Isana.
Ich muß auf die Befehle der König warten
, sagte er gequalt.
Aber du weißt, wie falsch sie sind!
Trotzdem, ich habe einen Eid geleistet. Davon kann ich mich nicht lösen.
Fleet erzählte mir, du hast den Eid nicht Shyakul, sondern dem vorigen König gegenüber geleistet.
Das macht doch keinen Unterschied. Aanurim ist tod, und Shyakul ist sein Nachfolger.
Lange saßen sie noch an dem Tisch und tranken Bier. Lardo gingen die Worte, die er im Tempel glaubte gehört zu haben, nicht aus dem Kopf. Der Greif lebt noch.
Er spürte, daß sie eine wichtige Bedeutung haben mußten, aber verstand sie einfach nicht.
Was ist das eigentlich?
fragte Blautiger, der immer gesprächiger wurde.
Was?
antwortete Lardo.
Hinter dir am Wand, dem Wappenschild
, sagte er und zeigte auf ein Schild mit der Kopf einer Greif. Ich sah sie schon überal in der Stadt.
Oh, das ist der Wappen des alten Königs. Viele Leute hoffen noch, daß er einmal zurückkehren wird. Aber er ist ja tot.
Der Greif lebt
, ging es wieder durch seine Gedanken. Der Greif lebt
.
Da endlich verstand Lardo. Vor überraschung stand er auf, sank unter Einfluß des Alkohols aber sofort wieder auf seinen Hocker.
Er lebt
, sagte er. Mein König lebt, und ich werde ihm finden.
Als er sah, wie Blautiger und Isana ihm verständnislos ansahen, erklärte er ihnen, was ihm beim Besuch an der Tempel widerfahren war.
Es muß eine Anweisung Skadis sein
, schloß er, und ich werde ihm befolgen. Ich werde Aanurim finden, denn er wird wissen, was wir tun sollen.
Blautiger und Isana sahen einander an. Wir begleiter dir
sagten sie dann wie aus einem Mund.