Aus den Überlieferungen der Magier:
Eines Tages, als das Volk der Magier schon seit Jahrhunderten in einem kleinen Tal im Nördergebirge lebte, bekamen sie Besuch. Eine gedrungene, alte Frau erschien plötzlich aus dem Nichts auf dem Zentralplatz des kleinen Dörfchens.
Die Magier spürten sofort, daß diese Frau etwas besonderes war. Sie hatte eine Ausstrahlung, die jeden sofort in Bann schlug, und sie trug ein schlankes Schwert, daß eine göttliche Kraft ausstrahlte.
Ich bin Shalani
, sprach sie mit leiser Stimme, und ich bin gekommen, um euch in den Süden zu führen. Eure Lehrzeit ist vorbei. In diesem Tal seid ihr zu Magieren geworden. Jetzt warten große Aufgaben auf euch. Ihr werdet fortan in Kavernen leben, geschützt vor jedem störenden Einfluß. Euer Bereich wird in aller Welt als die Hügel der Magier bekannt werden.
Der Dorfälteste ging ehrfürchtig auf die Frau zu.
Du bist die Herrin
, sprach er. Deinem Wort gehorchen wir! Wir werden uns zum Aufbruch rüsten.
Schon wenige Tage später verließen die Magier das Tal, das so lange ihre ganze Welt gewesen war, für immer. Von der alten Frau geführt zogen sie durch das fruchtbare Land. Nach vielen Tagen erreichten sie eine Hügelgruppe.
Die Herrin ließ sie anhalten und deutete auf die Hügel.
Das wird euer Land sein
, sagte sie. Nicht weit dahinter beginnt die Hungerwüste. Hier werdet ihr eure magischen Kräfte üben. Einmal wird die Zeit des großen Krieges anbrechen, und dann müßt ihr eure Fähigkeiten in der Entscheidungsschlacht einsetzen.
Wenn es soweit ist, werde ich zu euch zurückkommen. Ihr werdet mich und mein Schwert sofort erkennen, und ihr werdet mir ebenso gehorchen wie jetzt.
Die beunruhigenden Nachrichten, die Rabe von seiner letzten Reise mitgebracht hatte, erregten Besorgnis beim Ältestenrat. Neunauge, der Anführer der Ältesten, berief sofort die Versammlung ein, zu der Rabe befohlen wurde, um Bericht zu erstatten. Mit ruhiger Stimme wiederholte er alles, was er gesehen und gehört hatte und schloß mit den Worten:
Die Fehden zwischen den Stämmen müssen endlich ruhen. Wir werden nur dann überleben, wann wir ein Bündnis mit den Festlandbewohnern eingehen und gemeinsam gegen die Kristallkrieger kämpfen.
Unter den Männern brach ein Geraune los, das erst verstummte, als Neunauge mit seinem silbernen Speer laut auf den Boden pochte.
Du sprichst kühne Worte, Rabe, wenn du ein Bündnis zwischen den Stämmen und den Festlandbewohnern verlangst. Bisher haben wir uns nie in die Angelegenheiten der anderen eingemischt und sind dadurch von viel Leid verschont geblieben. Das erzählen auch die Lieder unserer Vorfahren.
Das ist richtig, aber sie prophezeien auch, das eines Tages auf dem Land eine Gefahr erwächst, die ebenso uns bedrohen wird. Es heißt: Wenn die unbesiegbaren Scharen marschieren und des üblen Riesens Fuß wieder die Erde berührt, beginnt der Krieg der Kriege.
Von einem Riesen hast du uns aber nichts erzählt
, warf ein anderer ein. Auch sind schon viele Gefahren über das Land gezogen, die man anfangs als unüberwindlich ansah.
Gewiß werden diese Kristallkrieger auch ohne unsere Hilfe besiegt.
Eingreifen können wir jederzeit, da wir nun gewarnt sind und unsere Waffen bereithalten können.
Wenn wir für die anderen sterben, wer verteidigt dann unsere Frauen und Kinder?
Mischen wir uns ein, fallen uns die Galen oder die Kitras in den Rücken, und wir müssen uns nach zwei Richtungen verteidigen. Nein, das ist zu riskant!
Rüsten wir uns für alle Fälle, und warten wir weitere Nachrichten ab, bei Yarrow!
Rabe wußte, daß er zu schweigen hatte, während die Ältesten diskutierten. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, ihnen impulsiv ins Wort zu fallen, da niemand, wegen seines geringen Alters, auf ihm gehört hätte.
Neunauge verkündete schließlich den Beschluß:
Wir werden uns nicht einmischen, solange für uns keine offensichtliche Bedrohung besteht. Du kannst gehen, Rabe.
Die Versammlung löste sich auf, und Rabe kehrte niedergeschlagen auf sein Schiff zurück. Dort warf er sich in seine Koje, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und starrte an die Decke. Die Ältesten unterschätzten die Gefahr. Bisher waren sie auf dem Meer immer sicher gewesen, das hatte sie träge und desinteressiert gemacht für die Geschehnisse auf dem Festland. Doch Rabe selbst hatte alles mit eigenen Augen gesehen: Die Flüchtlingsströme, die sich an die Küsten ergossen, alte, kranke Menschen, die lieber auf der weiten, beschwerlichen Reise sterben wollten, als den Kristallkriegern in die Hände zu fallen. Einige hatten ihm von den zerstörten Dörfern und Städten erzählt, auch daß es da, wo die schrecklichen Scharen durchzogen, keine Menschen mehr gab und ewiges Eis alles unter sich begraben hatte.
Aber was konnte er allein unternehmen?
Er erhob sich wieder. Dann versperrte er von innen die Tür und zog aus dem massiven Wandschrank, in dem er einiges Geld, das Logbuch, Karten und wichtige nautische Geräte aufbewahrte, eine Kassette hervor, zu der nur er den Schlüssel besaß. Sie war würfelförmig, an ihren Kanten nur handspannenlang und schwarzlackiert. Er öffnete sie, und auf blutrotem Samt lag ein wunderschöner Kristall, von schwarzer Farbe, der die Kajüte in ein warmes Licht tauchte. Behutsam nahm ihn Rabe in beide Händen. Es war ein Splitter von Sorghums Auge, den er zusammen mit dem Schiff erbte, als sein Vater im Kampf gegen die Galen gefallen war. Wenn er hineinblickte, zeigte ihm der Kristall, was er zu sehen wünschte. Es war eine unvorstellbar schöne Frau mit weinrotem Haar und silberner Wolfsmaske, die, gefolgt von einigen Männern, auf einem grauen Pferd durch einen fast lichtlosen Wald ritt. Seitdem er Skadi zum ersten Mal gesehen hatte, liebte er sie, doch war er stets, ohne zu wissen weshalb, davor zurückgeschreckt, sie ohne Maske sehen zu wollen. Dann ließ ihn der Kristall eine weite Wüste erblicken. Dort befand sich eine Zone schwarzer, verbrannter Erde, inmitten der eine goldene Stadt stand. Rabe hatte genug gesehen, um zu wissen, daß dies das Ziel der Hohepriesterin war.
Pardos
, flüsterte er, die Sagas der Krenat und die Lieder seines eigenen Volkes gut kennend, Pardos, die Stadt in der unüberwindlichen Toten Zone. Ist es also doch soweit? Beginnt jetzt der Krieg der Kriege?
Sein Entschluß stand plötzlich fest. Er wußte, daß er gegen die Befehle des Ältestenrates handeln mußte. Auf seinem Schiff wollte er mutige Männer und Frauen versammeln, die gewillt waren, mit ihm nach Pardos zu gehen.