Aus den Sagas der Krenat:
Nachdem Sorghum den Tronen besiegt hatte, zerstreuten sich die Krenat nach Osten, die Vanera nach Westen. Doch die Vanera bekamen Angst vor ihren eigenen Brüdern und Schwestern, weil sie fürchteten, daß diese erneut solche Gefahren heraufbeschwören würden. So vertrieben sie die Zauberkundigen, die in ein kleines Tal im Nördergebirge flohen. Dort lebten sie lange Zeit abgeschieden von allen Menschen und Göttern und übten ihre Fähigkeiten. Sie wandten sich von der finsteren Turag ab und begannen der Windgöttin Shalani zu huldigen, die ihr Heim mit ihrem Geliebten, dem Regengott Vulan, auf dem höchsten Gipfel des Nördergebirges teilt. Sie erschien dem Volk der Magier in Gestalt einer alten Frau und befahl ihnen, ihre Heimstätte in die Hügel der Magier zu verlegen und sie zu bewachen, bis der Krieg der Kriege beginnt und Shalani ihnen wieder erscheint.
Ein letztes Mal rasteten Skadi und die Soldaten, bevor sie die Besteigung des Tronengebirges beginnen wollten. Am frühen Morgen machte Lardo eine erschreckende Entdeckung. Einer der Männer war mit seinem Pferd verschwunden, aber es gab keine Spuren, die darauf hinwiesen daß er geflohen oder von einem der unheimlichen Waldwesen entführt worden wäre. Skadi, die vielleicht seinen Verbleib mit ihren Zauberkräften hätte klären können, schwieg, und niemand wagte, sie zu fragen. Es fiel Lardo auf, daß die Bewegungen der Hohepriesterin und ihres grauen Pferdes kräftiger waren als am Vortag. Das Tier schnaubte feurig und schwebte so leicht über den Boden dahin, daß die Soldaten Mühe hatten zu folgen. Sie ritten nur ein kurzes Stück. Das Gebirge war zu steil für die Pferde, und sie hätten zurückbleiben müssen, doch Skadi wies die Männer an, abzusitzen, ihnen die Augen zu verbinden und von jetzt an weiterzuführen.
Wir müssen noch etwas warten
, erklärte sie, bis der Tronen einschläft, dann wird sich der Berg öffnen. Ihr dürft weder verweilen, noch von dem Pfad, den ich gehe, abweichen oder euch um das kümmern, was ihr zu sehen und hören bekommt, sonst seid ihr verloren. Zögert nicht, damit wir den Berg verlassen, bevor der Tronen erwacht, sonst sind wir und alle Menschen verloren.
Sie rief Turag um Hilfe an und schmeichelte ihr mit vielen Opfern, bis sich lautlos ein Tor im Berg auftat. Vom Grauen gepackt, folgten die Männer Skadis Winken ins Innere des Tronengebirges.
Fleet hatte sich von Gniwuo Hskil und Negird"Un Kest die alten Überlieferungen erzählen und durch die Hallen voller reliefartige Darstellungen aus ihrer Geschichte führen lassen. Es fiel Fleet auf, daß die Darstellung von Shalani eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrselbst hatte.
Die beiden Gnome waren offenbar die letzten Überlebenden eines früher großen Volkes, den Magieren. Sie waren fast ausgestorben, weil es für die Magier nichts als die Überlieferungen gab, für die sie leben konnten. Ein ganzes Volk hatte sich im Laufe der Jahrhunderte einfach aufgegeben!
Jetzt verstand sie auch, weshalb sie für die Herrin gehalten wurde, aber das beängstigte sie nur. Schließlich war sie keine Göttin, sondern eine einfache Krenatfrau, die kaum die Erwartungen, die die Magiere in sie setzten, erfüllen konnte. Es war nicht einmal ihr Schwert, das sie bei sich trug, sondern die Waffe ihres Vaters.
Trotz ihrer Angst aber war sie entschlossen, die Situation auszunutzen. Sie hatte den Magieren aufgetragen über ihre Freunde zu wachen und sie, wenn nötig, zu führen. Danach hatte sie sich ein Gemach herrichten lassen und sich zurückgezogen.
Ihre Lage war wirklich sonderbar. Einerseits hatte sie über die beiden Magiere, die ihre Wünsche sofort erfüllen würden, eine enorme Macht, doch andererseits würden die beiden sie wohl kaum gehen lassen. Sie hatte deutlich bemerkt, daß die lange Zeit der Einsamkeit nicht spurlos an ihnen vorübergegangen war.
Zwei Tage vergingen, ohne daß Fleet der Lösung ihrer Probleme auch nur einen Schritt näher gekommen wäre, als Negird"Un Kest sie sprechen wollte.
Deine Freunde, oh Herrin, werden bald die Tote Zone erreichen
, begann er. Dort werden wir ihnen nicht mehr helfen können, da unsere Macht nicht so weit reicht. Aber wir führen sie zu einer kleinen Oase am Rande der Toten Zone, wo sie sich ausruhen können.
Fleet dachte fieberhaft nach. Das war vielleicht die Lösung!
Ich muß bei ihnen sein, wenn sie in die Tote Zone eindringen. Du weißt, wie wichtig es ist, daß wir Pardos erreichen. Ihr müßt mich sofort zu der Oase bringen!
Aber war wird aus uns?
, klagte Negird"Un Kest. Wir wollen dich nicht wieder verlieren.
Von hier aus könnt ihr uns nicht helfen, wenn ich das richtig verstanden habe, aber wenn ihr mitkommt, nützen uns eure Kräfte auch weiterhin, und ihr seid nicht mehr allein.
Nun, vielleicht...
Na klar, ihr werdet mich begleiten! Hole Gniwuo Hskil und packt alles, was ihr braucht. Jetzt ist der Augenblick gekommen, eurer wahren Bestimmung zu folgen.
Während sie sprach, hatte Fleet das Gefühl, nicht selbst diese Entscheidungen zu treffen. Es war, als würde ein Teil von ihr nur zusehen, was der andere Teil machte. Andererseits wußte sie aber auch, daß das, was sie tat, richtig war - nur konnte sie sich nicht erklären, woher diese Gewißheit kam.
Es ist jetzt nicht mehr weit, Leute
, schrie Jansur. Hinter den nächsten Hügeln liegt eine Oase, wo wir uns ausruhen können
Keiner antwortete, so erschöpft waren sie. Es war heiß, und sie hatten fast kein Wasser mehr. Sie waren den ganzen Tag marschiert, weil Jansur ihnen ein Paradies versprochen hatte. Inzwischen verzichtete sogar Brasam auf seine dummen Bermerkungen. Nur Jansur sah noch relativ frisch und kräftig aus.
Es hatte Bedenken über den Weg gegeben, schließlich war keiner von ihnen je in der Hungerwüste gewesen, und Karten gab es natürlich nicht. Wie konnte Jansur immer so genau wissen, wo es entlang ging? Aber bisher hatte er immer recht behalten.
Jansur selbst wußte auch keine Antwort auf diese Frage, aber er grübelte nicht weiter darüber nach. Am Kopf der Gruppe bestieg er die Düne, so war er auch der Erste, der die Oase auf der anderen Seite erblickte.
Da ist sie, ich kann sie sehen
, rief er. Nur noch wenige Meter, und wir haben es geschafft!
Langsam stiegen sie den Hügel hinunter, bis auf einmal Brasam aufschrie.
Da ist jemand! Zwei... nein... drei Gestalten. Seht doch!
Die bewaffneten Männer sofort hinter mich
, kommandierte Jansur. Wir lassen uns auf keinen Fall von ihnen verjagen!
Als sie näher kamen erkannte Jansur Fleet und ließ die Waffe sinken. Doch sein Mißtrauen blieb, während er zusah, wie sie sich an der Quelle niederließ und zwei Gnome einen riesigen Braten zubereiteten.
Ah, da seid ihr ja
, sagte Fleet, als er dicht vor ihr stand. Gerade rechtzeitig! Das Essen ist gleich fertig. Kommt her, es reicht für alle!
Du willst es also wirklich wagen?
Feuervogel gefiel Rabes Vorschlag, gegen den Beschluß des Rates zu handeln, nicht sonderlich, und das gab er auch unverholen zu. Sie saßen beide in einem abgetrennten Raum des Schankschiffes, wo sie vor Lauschern sicher waren. Er verstummte, als von einem der Schankmädchen auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen eine Karaffe hellen Weines und zwei smaragdgeschmückte Pokale gestellt wurden. Feuervogel blinzelte ihr zu und grinste. Er kam oft hierher und das nicht nur, um Wein zu trinken. Sie zwinkerte zurück und verließ mit wiegenden Hüften den Raum, nicht ohne ihm noch einmal verheißungvoll zuzulächeln. Sie warteten noch einem Moment, um sicher zu sein, daß sie nicht zufällig von dem Mädchen belauscht wurden.
Der Rat kann dich und alle, die dich begleiten, aus unserem Stamm ausstoßen
, warnte Feuervogel und nippte an seinem Pokal. Der Wein war sehr herb.
Dessen bin ich mir bewußt
, entgegnete Rabe. Ich werde es der Besatzung meines Schiffes freistellen, ob sie mich begleitet oder nicht. Auch beabsichtige ich, nur wenige vertrauenswürdige Freunde in meinen Plan einzuweihen. Es soll keiner Schwierigkeiten wegen seiner Mitwisserschaft bekommen. Und was ist mit dir?
Feuervogel setzte den Pokal hart auf das Tischchen.
Ich bin zwar nicht einverstanden damit, mich in die Angelegenheiten der Festlandbewohner einzumischen, aber ich bin dein Freund... und, bei Yarrow, ich möchte gern mal wieder etwas erleben.
Selbst Feuervogel, der Rabe seit der Kindheit kannte, wußte nichts von dem Splitter aus Sorghums Auge. Er hatte auch keine Veränderung an seinem Freund bemerkt, seitdem dieser den Kristall besaß. Rabe stand unter dem Bann des Kristalls, aber er war nicht wie alle anderen von Machtgier und Selbstsucht erfüllt worden, sondern etwas anderes, viel schlimmeres, war ihm widerfahren. Er stand unter dem Bann der Hohepriesterin Skadi, für die er bereit war, alles aufzugeben. Nicht die Menschen zu retten, sondern Skadi zu begegnen war sein Ziel.
Schon nach wenigen Tagen stach Rabes Schiff, der Sturmsegler, in See. Fast seine ganze Mannschaft war an Bord geblieben, hinzu kamen einige Männer und Frauen, die mit der Entscheidung des Ältestenrates nicht einverstanden waren, oder hofften, im sagenhaften Pardos viele Reichtümmer zu finden. Ein günstiger Wind trieb sie rasch nach Westen, ihrem Ziel entgegen.