Aus den Legenden der Schmiede:

Skalv war ein Wasserelf, noch sehr jung und schön. Er lebte in einem kleinen See im Nördergebirge. Eines Tages kam eine schöne junge Frau mit langen, hellbraunen Locken und grünen Augen zu seinem Tal und offenbarte sich als die Windgöttin Shalani. Sie bat ihm, über die Menschen, die bald kommen würden, zu wachen und sie zu beschützen. Skalv verliebte sich in die hübsche Göttin sobald er sie sah, und als nach wenige Wochen die Menschen eintrafen, bemühte er, ihre Wunsch nach seinem besten Können auszuführen.

Die Menschen ließen sich um den See nieder, und Skalv sah sie zu, wie sie spielten mit ihren schwachen Zauberkräfte, und erfreute sich an ihrem Spiel. Seine Freude und seine Liebe erfüllte das ganze Tal, während er auf die Rückkehr der Göttin hoffte. Die Menschen spürten seine Liebe, und es half ihnen, die innere Ruhe die für die Entfaltung von Zauberkräfte notwendig ist zu erreichen.

Eines Tages kam dann eine alte Frau in dem Tal und sie wurden von den Menschen freundlich aufgenommen. Als die Frau sich als Shalani offenbarte, konnte Skalv es kaum glauben, und als sie die Magier aus dem Tal hinaus führte, spürte er trauer, daß er jetzt wieder allein war. Aber er war noch jung, und schon bald hatte er die Trauer überwunden und spielte wieder mit den Vögel und den Fischen.

Viele Jahre gingen vorbei, bis Shalani eines Tages zurückkehrte. Sie rief aber nicht nach dem Wasserelft, schien sogar ganz vergessen zu haben, daß er hier lebte. Skalv, der es nicht wagte, die Göttin von sich aus anzusprechen, sah zu, wie sie die rubinverzierte Schnalle ihrer Silbergürtel öffnete, ihre kurze graue Tunika abstreifte und ins Wasser glitt.

Von diesem Tag an kam Shalani regelmässig für ein Bad in dem Tal und Skalv sah sie immer heimlich zu. Seine Liebe für ihr wuchs jedes Mal, und eines Tages faßte er alle Mut zusammen und zeigte sich.

Shalani erschrak und wollte den Elf für seine Unverschämtheit bestrafen. Aber als er sie seine Liebe gestand, verschwand ihr Zorn. Sie war noch immer gekränkt über Vulans Treubruch und beschloß, sich an ihm zu rächen.

Sieben mal besuchte Shalani Skalv, dann kam sie nicht wieder, und der Wasserelf fühlte sich erneut verlassen. Tag um Tag wartete er, ob Shalani zu ihm zurückkehren würde, aber sie kam nie wieder. Im Lauf der vielen Jahren hat Skalv auch diesen Schmerz überwunden, aber seine alte Fröhlichkeit hat er nie zurückbekommen.

*

Was weißt du von den Uroks? fragte Zorr, der wieder einmal Kyrdo besuchte, und machte ein besorgtes Gesicht.

Nichts. Sie saßen in Kyrdos Höhle und tranken Bier.

Die Uroks... es gibt sie schon seit wir hier in den Bergen kamen. Und schon von Anfang an haben wir Krieg mit ihnen geführt. Schon viele gute Schmiede haben ihr Leben den Uroks wegen verloren.

Das tut mir sehr leid, antwortete Kyrdo. Weshalb tun die Uroks das? Könnt ihr nicht miteinander Frieden schließen?

Das ist nicht möglich, wir haben es schon versucht, ganz am Anfang, als wir hierher kamen und auf sie stießen. Aber die Uroks besitzen keine Intelligenz, sie tun nur das, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Manchmal greifen sie uns an, ohne jegliche Grund. Und das ist gefährlich, denn sie erkennen keine Gefahr und wir können sie nur mit großer Mühe wieder vertreiben.

Anfangs dachten wir, sie wollten uns vertreiben um unsere Schätze zu stehlen, weil die Angriffe immer in die Richtung der Schatzkammer geführt wurden. Dann mußten wir aber erkennen, daß es das Feuerstahl an sich ist, das eine gewisse Anziehungskraft auf sie ausübt. Wir sind sicher, daß er irgendeine geheimnisvolle Beziehung zwischen Uroks und Feuerstahl gibt.

Kyrdo schenkte sich wieder Bier ein, nachdem er Zorr den Krug gefüllt hatte.

Wir haben Krieg mit ihnen, seit wir hier leben, aber bisher wurden wir nur ab und zu angegriffen, jeweils von nur wenigen Uroks zugleich. In letzter Zeit aber haben wir beobachtet, daß sie sich unruhiger als sonst bewegen, und sowohl die Häufigkeit der Angriffe, als die Zahl der Uroks die sich daran beteiligt, hat zugenommen. Allein schon in den letzten zwei Wochen überfielen sie vier Schmieden und töteten mehrere von uns, bevor wie sie in die Flucht schlagen konnten. Eine Schmiede befindet sich sogar in ihrer Hand.

Was werdet ihr tun?

Wir werden kampfen, was sonst können wir machen? Wir können nicht mehr von hier fort, zu sehr haben wir uns an das Leben untet der Erde gewöhnt. Die anderen Völker würden uns nicht unter sich dulden und erneut vertreiben. Wo wir auch hinkämen, überall erwartet uns Krieg.

Die Zeiten haben sich inzwischen geändert. Man bewundert Euch...

Ja, lachte Zorr bitter, und beneidet uns um die Schätze, die wir seit Generationen anhäufen. Sorbas bewahre uns und unsere Schätze vor allen Neidern!

Er trank seinen Krug leer und erhob sich.

Ich werde jetzt gehen, sagte er, und gebe dir noch einen Rat. Seid künftig besonders vorsichtig. Zwar haben sich die Uroks noch nie an die Oberfläche gewagt, da sie den Geist und die Helligkeit fürchten, aber... seid wachsam.

Kyrdo geleitete Zorr bis zum Ausgang und verabschiedete sich. Er wollte gerade zurückgehen, als er Andra mit nachdenklichem Gesicht zu ihrer Höhle schlendern sah. Er grüßte sie, aber das Mädchen antwortete nicht.

Andra! rief Kyrdo erneut. Fehlt dir etwas?

Ah, Kyrdo, entschuldige! Ich war so in Gedanken, daß ich dich nicht gleich hörte.

Was ist denn? Du siehst so verstört aus.

Nichts, versicherte Andra.

Wenn nichts wäre, würdest du nicht so ein Gesicht machen, beharrte Kyrdo. Du kannst es mir ruhig sagen, oder - ist es etwas persönliches?

Andra lachte.

Du meinst Tilkan und Durgarol. Nein, mit den beiden hat es nichts zu tun. Ich habe nur ein bischen geträumt, als ich am See saß, und da hat mich meine Phantasie in den Wellen ein Gesicht sehen lassen. Aber es war so echt, als wäre es greifbar gewesen, und es blieb bestimmt zwei Minuten, bis es verschwand. Und es hat mich sehr ernst und traurig angesehen. So, jetzt weißt du es und kannst mich für verrückt erklären, auslachen oder...

Ich glaube dir, Andra. Was du gesehen hast, muß Skalv, der Wasserelf gewesen sein. Zorr hat mir einmal von ihm erzählt. Bitte sprich mit niemandem darüber, es könnte die anderen beunruhigen. Wenn du erneut etwas ungewöhnliches entdeckst, dann teile es mir bitte sofort mit.

War Zorr nicht eben bei dir? wollte Andra wissen. Hat er schlechte Nachrichten gebracht, oder weshalb befürchtest du, daß die anderen unruhig werden könnten?

In letzter Zeit ist zuviel geschehen, wich Kyrdo einer direkten Antwort aus. Die meisten von uns sind alt und vertragen soviel Neues nicht auf einmal. Erst die Kristallkrieg, dann der lange Marsch und die Überfälle, die Arbeit hier im Tal, das Auftauchen der Schmiede - der Wasserelf könnte sehr wohl zuviel für sie sein. Ich muß mir erst überlegen, wie ich ihnen alles schonend beibringen soll. Jetzt ist es schon spät, aber morgen früh sollen sich alle vor den Höhlen versammeln, da ich zu ihnen sprechen will.

In Ordnung, nickte Andra, ich werde es weitersagen und alles für mich behalten.

Die Sonne ging unter, und die Krenat legten sich schlafen. Mitten in der Nacht grellte ein schriller Schrei durch das Lager, begleitet von einem lauten Krach. Kyrdo fuhr wie so viele andere aus dem Schlaf und tastete im Dunkeln nach den Kerzen und den Zündhölzern. Als die Höhle von fahlem Kerzenlich erhellt wurde, zor er sich rasch die Hose an und griff nach seiner Waffe.

Draußen traf er auf einige andere. Mit blassem Gesicht sagte Tilkan, währen er an Kyrdo vorbeirannte: Das war Jale... hoffentlich ist ihr nichts passiert!

Sie folgten ihm zu Jales Höhle. Schon nach den ersten Schritten standen sie zwischen den Trümmern der Einrichtung.

Jale! rief Tilkan und warf die Holzstücke, Matten, Decken und Scherben beiseite. Dann hielt er innen.

Licht!

Irgend jemand leuchtete mit der Kerze, und alle konnten es sehen. Gräßlich verstümmelt lag Jales Leiche in einer dunklen Blutlache. In ihrer Hand befand sich ein blutiger Dolch, anscheinend hatte sie ihren Mörder noch verwunden können. Einige Frauen wandten sich ab, während Tilkan und einige anderen nach Spuren suchten. Kyrdo weinte.

Warum habe ich Zorrs Warnung nicht beherzigt und alle gewarnt, flüsterte er. Dann wurde Jale noch leben.

Komm, sagte eine ältere Frau und nahm seinen Arm. Hier können wir nichts mehr tun. Morgen werden wir sie begraben.

Ihre Worte brachte Kyrdo zur Besinnung. Es mußten Uroks gewesen sein, die Jale getötet hatten, denn die Wunden ihrer Leiche stammten von primitiven Schwertern und spitzen Klauen.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Kyrdo rief alle zusammen und erzählte von Zorrs Worten und Skalv. Er befahl, Wachen aufzustellen, die das Lager und den Schlaf kontrollieren sollten, sowie auf weitere Erscheinungen des Elfs oder auf Urokspuren zu achten. Abschließend bat er, daß ein neuer Führer gewählt werden sollte, da er sich für Jales Tod verantwortlich fühlte und keine weiteren Fehler verschulden wollte. Doch dieses Gesuch wurde von alle Anwesenden ohne Zögern abgelehnt.

Du warst uns ein guter Führer bis zu diesem Tal, erklärte Andra, und hast uns auch hier gut geleitet. Mit dem, was heute geschah, hat niemand rechnen können. Einem anderen wäre das gleiche passiert. Nun sind wir alle wachsam und können den nächsten Überfall vielleicht abwehren.

*

Warten wir, bis Skadi zurückkehrt, ließ Rabe die Männer und Frauen anhalten. Sie scheint etwas entdeckt zu haben, womit sie nicht rechnete. Hoffentlich war unsere Reise nicht umsonst!

Was wird uns in den Ruinen wohl erwarten? fragte sich Feuervogel, während er sich in alle Richtungen drehte. Die schwarzen Felsen, die sie hinter sich gebracht hatten, schlossen das fruchtbare Land von der Wüste ab. Alles war grün und viele unbekannte Blumen und Bäume wuchsen hier. Ein sprudelnder Quelle floß zur Stadt, deren goldene Ruinen im Sonnenlicht leuchteten. Es war nicht mehr so heiß wie in der Wüste und kühle Brisen ließen die Gewänder flattern.

Skadi war längst aus ihren Augen verschwunden und Rabe fiel ein, daß ihm der Kristall keine Ruinen, sondern eine prächtige Stadt gezeigt hatte. Wie war es möglich, daß er log? Vielleicht stimmte noch mehr hier nicht!

Einer inneren Eingebung folgend, drehte Rabe sich zu seinem Freund um.

Feuervogel, schicke zwei Männer zu den Bergen zurück. Ich habe so ein komisches Gefühl, daß etwas faul ist. Sie sollen sich ganz genau umsehen!

Und was wird mit ihnen, wenn Skadi inzwischen zurückkommt und wir weiterziehen? fragte Feuervogel.

Wenn wir nicht auf sie warten können, werden wir eine deutliche Spur hinterlassen.

Es dauerte lange, bis die Hohepriesterin zurückkehrte. Deprimiert stieg sie von ihrem Wolf und schaute auf die Menschen herab, die neugierig zu ihr aufblickten. Perle konnte sich nicht länger bezähmen.

Was hast du gesehen, Skadi? Werden wir in Pardos finden, was wir suchen?

Pardos ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Selbst ich, die ich mehr sehe als ihr Menschen, wußte das nicht. Sorghum hat die Augen der Götter, Dämonen und Menschen vor vielen Dingen verschlossen, damit sie nicht alles sehen und wissen. Auch ich sah nur den Glanz von Pardos, aber nicht seine Wirklichkeit. Aber jetzt, jetzt habe ich etwas grauenvolles entdeckt.

Sie schwieg einen Moment, und überlegte kurz.

Ihr wißt, begann sie behutsam, daß noch niemals jemand aus Pardos zurückkam. Die Tote Zone hatte weit weniger Schrecknisse als erwartet, so daß kräftige, willensstarke Menschen sie überwinden können. Es ist Pardos selbst, daß sie nicht wieder losläßt. Ich sah in den Straßen viele... Skelette!

Ein bestürztes Gemurmel brach los, und Rabe sprang auf. Beschwichtigend hob er die Hände.

Konntest du ihre Todesursache feststellen, Skadi?

Sie starben keinen gewaltsamen Tod, sondern an Alterschwäche. Manche waren schon unwahrscheinlich alt, als sie starben.

In diesem Augenblick kamen die beiden Männer angelaufen.

Es geht nicht, keuchte der eine. Es geht einfach nicht. Wir sind den Hang hinauf gelaufen, aber der Gipfel kam einfach nicht näher.

Skadi sah auf. Es muß eine Zauberbarriere sein, sagte sie, von Sorghum erschaffen, um zu verhindern, daß jemand aus Pardos entkommen kann.

Kannst du sie beseitigen, Skadi? fragte Perle.

Ich glaube nicht. Selbst Turag hat hier kaum noch Macht. Doch machen wir uns erst Gedanken darüber, wenn wir gefunden haben, war wir suchen. Folgt mir!

Nur zögernd erhoben sich die Menschen. Sie hatten alle Strapazen auf sich genommen - und was war der Lohn? Eine Ruinenstadt, die ihr Grab werden sollte. Was brachte es noch für einen Nutzen, eine Wunderwaffe suchen zu wollen, wenn nicht einmal die Hohepriesterin einen Ausweg wußte?

Sie wanderten auf staubigen Straßen, die von goldenen Ruinen gesäumt wurden. Überall lagen Skelette, alte, die schon fast vollständig zu Staub geworden waren, und jüngere, an denen noch die restlichen Fetzen von Kleidungsstücken hingen. Einzelne unbewaffnete Krenat blieben ab und zu stehen und prüften die Waffen der Toten. Schwerte, die nicht schartig waren, und andere brauchbare Ausrüstungsgegenstände nahmen sie an sich. Rabe ging neben Skadi und ihrem Wolf.

Was waren das für Menschen?

Es waren Abenteuerer, Flüchtlinge und Hilfesuchende. Jeder Schädel, an dem ich vorbeigehe, erzählt mir seine Geschichte... es ist grauenvoll!

Sie schauderte und beschleunigte ihre Schritte.

Du empfindest sehr menschlich, wunderte er sich.

Skadi lachte hilflos.

Ich war auch einer, aber das liegt viele, viele Menschenleben zurück. Jetzt bin ich das, was du vor dir siehst: Weder ein Mensch, noch ein Dämon. Ich fühle wie das eine und denke wie das andere. Was werde ich sein, wenn noch einmal so viele Jahre vergangen sind?

Sie blickte ihn intensiv an. Er befand sich in ihrer Gewalt, aber sie sich auch in seiner. Skadi sagte ihm Dinge, die sie selbst vor ihrem eigenen Herzen verschloß. Das, was ihr Furcht bereitete, mußte daran schuld sein!

Ich will davon nicht reden, sagte sie fast trotzig. Möchtest du nicht lieber wissen, wohin ich euch führe?

Noch bevor Rabe etwas entgegnen konnte, begann sie hastig zu reden.

Betrachte die Skelette! Fällt dir nicht etwas an ihnen auf?

Der Lear betrachtete sie im Vorübergehen.

Der rechte Arm ist ausgestreckt und weist immer in die gleiche Richtung - vermutlich zum Zentrum der Stadt.

Richtig! Siehst du das Gebäude mit dem Kuppeldach? Das ist unser Ziel!

Sie erreichten das große, schwere Portal des bezeichneten Gebäudes, das nicht verfallen war wie die anderen. Ein Zauber schien es vor dem Alter zu schützen. Skadi blieb davor stehen und versperrte den Menschen den Weg.

In diesem Gebäude befindet sich das, was die Welt von Cynera befreien soll, doch wird es von einem Zauber geschützt, den selbst Turag nicht überwinden kann. Es ist Sorghums Wille, daß drei Menschen, von jedem Volk einer, gemeinsam eintreten sollen. Was sie finden werden und welche Gefahren auf sie lauern, weiß ich nicht. Mir ist der Weg verwehrt, und ich kann ihnen dort auch nicht helfen.

Sie sah der Reihe nach Lardo, Rabe und Fleet an, die wie auf einen unhörbaren Befehl zu ihr traten.

Ihr drei seid vom Schicksal bestimmt worden, aber ihr braucht nicht schutzlos zu gehen. Dir, Lardo, soll eine magische Peitsche helfen.

Bei diesen Worten riß sie sich ein rotes Haar aus, das sich in eine flammende Peitsche verwandelte, die sie ihm überreichte.

Fleet wird sich durch eine Lanze verteidigen.

Das Knöchelchen eines unbekannten Tieres wurde zu einer handlichen Waffe.

Und du, Rabe, wirst das Schwert brauchen, das Fleets Vater schmiedete. Es soll dein sein. Geht jetzt!

Nachdem die drei Auserwählte durch das Portal geschritten waren, wandte Skadi sich an alle anderen.

Wir werden jetzt warten müssen, begann sie, bis sie zurück kommen. Doch inzwischen sollten wir Pardos näher untersuchen. Dazu werden wir uns in kleinere Gruppen teilen.

Zuerst blickte sie in die Richtung der Vanera. Ihr werdet die Stadt verlassen und euch die Umgebung ansehen. Ich erwarte einen detaillierten Bericht, da ich wissen muß, wieviele meiner Informationen noch falsch sind. Die anderen sollen in Zweiergruppen die Stadt durchkämmen. Vor allem suchen wir Hinweise über den Verbleib der Halbgötter.

Während sich die Menge langsam zerstreute, ging Isana auf Blautiger, einen jungen Lear mit dunkelblondem, halblangen Haar und einem dichten Schnurrbart zu.

Wollen wir diese Ruinen dort hinten untersuchen? fragte sie.

Blautiger sah sie nur kurz an und brummte dann seine Zustimmung. Es war Isana schon früher aufgefallen, daß er immer schweigsam war und nur das Nötigste sprach. Das hatte ihre Neugier geweckt.

Der Eingang des Hauses, das sie ausgesucht hatten, war von Trümmern fast völlig verschüttet. Bedächtig kletterten sie darüber hinweg. Im Innern angelangt, konnten sie erkennen, daß der hintere Teil des Gebäudes offenbar recht gut erhalten war. Aber es gab nichts, woraus man schließen konnte, wozu das Haus einmal gedient hatte. Es schien schon lange Zeit nicht mehr betreten worden zu sein.

Komm mit, rief Isana, während sie Blautigers Hand ergriff. Hier muß doch etwas zu finden sein. Vielleicht im nächsten Raum.

Doch auch dieser war völlig leer, hatte aber ein Fenster, das den Blick auf einen Innenhof freigab. Obwohl völlig verwildert, war der ganze Hof voller farbenprächtiger Blumen. Entzückt zog Isana Blautiger mit sich. Als sie durch das Fenster kletterten, empfing sie der lieblicher Duft der Blumen.

Hier werden wir kaum etwas finden, brummte Blautiger, den die Blumenpracht offenbar nicht beeindruckte. Isana aber atmete immer wieder tief durch, um soviel wie möglich von dem herrlichen Duft aufzunehmen, während sie träumerisch zwischen den Blumen umherschlenderte. Etwa in der Mitte des kleinen Gartens entdeckte sie eine Figur, die früher wohl der Wasserspender eines Springbrunnens gewesen war. Jetzt spie sie allerdings kein Wasser meer und war völlig bemoost. Isana stieg in das Bassin und kletterte auf den Sockel der Figur, um den ganzen Hof besser überblicken zu können.

Dabei berührte sie zufällig den Arm der Figur, der sich senkte. Plötzlich rutschte der Sockel im Bassin zur Seite. Isana schrie auf, und Blautiger sprang zu ihr.

Was ist los?, rief er atemlos.

Isana wies auf die Figur.

Ich löste versehentlich einen verborgenen Mechanismus an dieser Figur aus. Sieh nur, der Sockel hat sich zur Seite geschoben und darunter ist eine Öffnung verborgen gewesen.

Sie hatte sich schon wieder halbwegs beruhigt und blinzelte neugierig in die Dunkelheit hinab.

Es sieht aus wie ein Geheimgang...

*

Rabe ging als erster durch das Portal. Ihm folgten Lardo, und Fleet bildete den Schluß. Schon nach wenigen Schritten wurden sie von eine Dunkelheit verschluckt, die für menschliche Augen nicht zu durchdringen war. Indem sie einander bei den Händen faßten, bildeten sie eine Kette, um sich nicht zu verlieren.

Hört ihr etwas, flüsterte Fleet mit aufkeimender Angst. Könnt ihr etwas erkennen? Ich sehe gar nichts!

Nimm dich zusammen, Mädchen, zischte Lardo, selbst beunruhigt. Wir werden die Wunderwaffe aus diesem Gebäude holen, und dabei können wir keine hysterischen Weiber gebrauchen.

Sssst, machte Rabe. Da ist etwas!

Jetzt bemerkte auch Fleet das leise Murmeln. Es klang, als würden hunderte von Menschen zugleich reden.

Ihr Frevler, donnerte auf einmal eine tiefe Stimme, und das Gemurmel erstarb. Wer seid ihr, daß ihr es wagt, den Tempel der Göttersöhne zu entweihen? Kennt ihr die alten Überlieferungen nicht? Kennt ihr die Strafe für das Betreten des Tempels nicht?

Wir kennen die Überlieferungen nicht, da sie über viele Generationen hinweg verloren gingen, sagte Rabe, der stehen geblieben war. Wir sind gekommen, weil der Krieg der Kriege nicht mehr fern ist und wir die Wunderwaffe brauchen, um die Kristallkrieger zu vernichten.

Ach, die Wunderwaffe! lachte die körperlose Stimme hohntriefend. Ihr glaubt anscheinend, die Auserwählten zu sein! Ihr denkt wohl, daß ihr einfach in den Tempel der Göttersöhne hineinspazieren könnt und man euch die Waffe sofort in die Hände legt.

Aber nein! donnerte die Stimme weiter. So geht das nicht! Beweißt, wie mutig ihr seid und ob ihr den Qualen widerstehen könnt. Bald wissen wir, ob ihr wirklich die Auserwählten seid!

Ein grollendes Gelachter brandete auf und verklang langsam. Lardo spürte das Zittern Fleets und drückte ihre Hand, um sie zu beruhigen.

Kommt weiter! rief Rabe, der die Führung übernommen hatte. Wir lassen uns von einer Stimme nicht bluffen. Doch man merkte ihm an, daß er selbst nicht an einen Bluff glaubte.

Er war es auch, der als erster das schwache Licht sah, das sich ihnen rasch näherte. Kaum hatte er es entdeckt, war es auch schon da und hüllte sie ein.

Während sie die Gelegenheit nutzten, ihre Umgebung, die aus glatten, spiegelnden Wänder bestand, zu betrachten, machte sich ein leichtes Prickeln bemerkbar. Das Gefühl war anfangs nicht unangenehm, wurde aber schnell schmerzhaft. Dieser Schmerz kam aus dem Körper heraus und wurde immer stärker. Fleet hatte das Gefühl, als würde ihr ganzer Körper umgestülpt, er schien in Flammen zu stehen und gleichzeitig im Eis begraben zu sein. Langsam sank sie zu Boden.

Stärker und stärker wurde der Schmerz, und jedesmal, wenn sie gleubten, schlimmer könnte es nicht mehr werden, steigerten sich die Qualen. Gedanken gab es schon längst micht mehr, nur noch dieses eine Empfinden: den Schmerz.

Dann war es plötzlich zur Ende. Dies geschah so abrupt, daß Fleet immer noch schrie bis sie allmählich wieder denken konnte und erkannte, daß es vorbei war! Heftig atmend, erhob sie sich und tastete nach ihren Begleitern.

Wir müssen weiter, krächzte Rabe. Sie wollen uns nur zermürben und zur Umkehr zwingen. Kommt!

Fleet glaubte für einen Moment, er sei verrückt geworden. Sie wollte ihm zuschreien, daß sie umkehren müßten, um nicht zu sterben, aber dann spürte sie Lardos suchende Hand, und Kraft und Mut kehrten langsam wieder zurück. Sie erwiderte den festen Händedruck dankbar, Lardos freundschaftliche Geste war genau im richtigen Moment erfolgt.

Seid ihr in Ordnung? fragte Rabe, der sie tiefer in die Tempelanlage führte. Als die anderen dies versichterten, ging er zügiger weiter, und sprach: Das war wohl der erste Test. Wer weiß, was noch alles auf uns zukommen wird. Aber wir haben gewußt, daß wir uns auf ein lebensgefährliches Unternehmen eingelassen haben.

Ein Schimmer des fremdartigen Lichtes war zurückgeblieben, so daß sie den Weg erkennen konnten. Sie befanden sich in einem langen Korridor, dessen Ende irgendwo in der Dunkelheit liegen mochte.

Wieder erklang das grollende Gelächter, und Fleet, die nach hinten spähte, bemerkte plötzlich ein kleines Tier, das sich vorsichtig näherte. Sie schrie auf, und als wäre das ein Signal gewesen, sprang es auf sie zu. Rabe, durch Fleets Schrei gewarnt, hatte sich umgedreht und riß instiktiv das Schwert aus der Scheide. Er versetzte dem rattenähnlichen Tier einen Hieb mit der flachen Seite, wodurch es jedoch nicht getötet wurde, sondern lediglich zu Boden stürzte.

Leicht benommen, rappelte das Tier sich wieder auf und griff erneut an. Diesmal sprang es Lardo an, der die kleinen, spitzen Zähne im Maul aufblitzen sah. Er traf es mit seiner Peitsche im Sprung. Tot klatschte es auf die Steinplatten, aber schon erschienen immer mehr von seinen Artgenossen.

Schnell rief Lardo, stellt euch Rücken an Rücken und wehrt die verdammten Biester ab!

Rabe und Fleet gehorchten. Auf diese Weise töteten sie zahlreiche Tiere, aber es kamen immer wieder neue. Es war ein harter Kampf, der die ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, so daß Fleet die große blaugestreifte Katze erst bemerkte, als es schon fast zu spät war. Instinktiv riß sie ihre Lanze hoch und durchbohrte die Katze, die auf sie zuflog. Doch auch von ihnen kamen immer mehr.

Die Luft war inzwischen von den Todesschreien der Tiere ganz erfüllt und dazwischen erklang immer wieder das Gelächter der Körperlosen. Rabe, der mit seinem Schwert Fleet unterstützte, die sich ganz auf die Abwehr der Raubkatzen konzentrierte, spürte wie sein Atem allmählich erlahmte. Als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung sah, schlug er sofort in diese Richtung. Erst als der zweite Schemen erschien, erkannte er, wogegen er eigentlich kämpfte. Es waren grün leuchtende Wesen mit einem pulsierenden Fleck in der Mitte. Sie besaßen keine feste Gestalt, sondern konnten jede beliebige Form annehmen.

Er stöhnte. Lange würden sie nicht mehr durchhalten. Fleets Bewegungen wurden immer langsamer, und auch Lardo schlug nicht mehr so kräftig mit seiner Peitsche nach den Ratten.

Rabe atmete tief durch und konzentrierte sich wieder ganz auf die Abwehr der Geister. Die ersten waren verschwunden, sobald sie nur von seinem Schwert berührt wurden. Bald aber mußte er den faustgroßen pulsierenden Fleck treffen, um sie endgültig abzuwehren. Dabei spürte er gar keinen Widerstand, es war vielmehr, als würde er in die Luft schlagen. Aber als ein Schemen seine Deckung durchbrach und ihn berührte, spürte er einen brennenden Schmerz an der Hand, und es entstand eine dunkelrote Brandblase.

*

Blautiger ging am Rand der Öffnung in die Hocke. Aus seiner Tasche zog er einen Kerzenstumpf, den er entzündete und in die Tiefe hielt. Isana beugte sich über ihn, wobei ihr flachsblondes Haar leicht seine Schulter streifte.

Kannst du etwas erkennen?

Eine Leiter, antwortete Blautiger, aber ihre Sprossen sind sehr morsch. Sie muß lange Zeit nicht mehr benutzt worden sein, denn der Staub ist sehr dick, und es gibt nirgends Spuren.

Komm, steigen wir hinab und schauen, wohin der Geheimgang führt!

Isana machte Anstalten, auf die Leiter zu steigen, doch Blautiger hielt sie fest.

Bist du verrückt? So leichtsinnig kann doch nur eine Krenat sein!

Willst du etwa, daß Skadi das Geheimnis allein enthüllt? Vielleicht finden wir dort etwas, das uns vor ihrer Willkür bewahren kann. Denk daran, wie wenig sie von Pardos weiß. Bestimmt gibt es hier Dinge, die auch für sie gefährlich sind.

Und um wieviel gefährlicher sind sie dann für uns...! So ein Unsinn! Du redest fast wie Jansur. Es geht mir nicht um Skadi, sondern um die Sicherheit aller anderen. Hier können Gefahren lauern, denen unsere Waffen nicht gewachsen sind, deshalb ist es wichtig, daß Skadi von allen Entdeckungen erfährt, denn nur sie kann uns beschützen.

Du hast ja ganz schön viel Vertrauen zu ihr.

Blautiger seufzte tief.

Denke auch daran, daß wir unter der Erde gefangen sind, wenn sich der Sockel über die Öffnung schiebt und wir keinen Gegenmechanismus finden. Niemand kann und dann helfen, weil es keinen gibt, der weiß, daß wir da unten sind.

Und wenn wir ein Zeichen hinterlassen?

Isana ließ sich von seinen Argumenten nicht beirren. In ihr war ein starker Drang erwacht, den Geheimgang zu erkunden. Ungeduldig schaute sie Blautiger an, der sie besorgt musterte.

Na, komm schon! drängte sie erneut.

Blautiger riß ein großes, fleischiges Blütenblatt von einem Orchideengewächs, das er auf den Arm der Skulptur spießte.

Das wird sicher genügen. Hier, du nimmst die Kerze, damit ich beide Hände frei habe, sollten wir angegriffen werden. Bleibe dicht hinter mir, und wenn ich sage, daß du weglaufen sollst, dann renne, so schnell du kannst, und kümmere dich nicht um mich.

Er schob sein Schwert zurecht und schwang sich in den Schacht. Behutsam prüfte er die Festigkeit der Sprossen. Sie ächzten, brachen aber nicht. Er winkte Isana zu, und sie stieg hinter ihm hinab. Die Gestalt, die sie vom Fenster aus beobachtete, sah sie nicht. Schon nach wenigen Sprossen standen sie auf fester Erde.

Blautiger nahm die Kerze und beleuchtete die Umgebung. Sie standen in einem unterirdischen Gang, der mit Marmorkacheln verkleidet war. Neben der Leiter ragte ein kleiner Hebel aus der Wand.

Der Mechanismus, nickte Isana zufrieden. Wir brauchen uns also keine Sorgen über unseren Rückweg zu machen.

Wenn er funktioniert, knurrte Blautiger.

Er hob die Kerze etwas höher.

Hier ist ein Pfeil. Gehen wir in die Richtung, die er anzeigt.

Die Kacheln waren musterlos, nur der Pfeil tauchte in regelmäßigen Abständen auf, um sie zu führen, obwohl sich der Gang nicht verzweigte. Während des Gehens verlangsamte sich Isanas Schritt.

Lauf nicht so schnell, rief sie. Du stürmst so unbesonnen vorwärts...

Blautiger blieb abrupt stehen und sah sie überrascht an.

Das mußt gerade du sagen! Du warst es doch, die hier unbedingt eindringen wollte, ohne auf die eigene Sicherheit zu achten.

Ich?

Isana war verwirrt, doch dann erinnerte sie sich. Leise stöhnend strich sie sich über die Stirn.

Ja..., tatsächlich. Wie konnte ich nur...?

Als du zwischen den Blummen umherspaziertest, dachte ich schon, daß du vor lauter Entzücken unsere Aufgabe vergißt. Du warst völlig verwandelt, so unbekümmert und leichtsinnig.

Die Blumen...

Isana taumelte leicht, und Blautiger mußte sie stützen.

Es müssen die Blumen sein, hauchte sie. Als ich den Duft einatmete, war mir so leicht ums Herz, und als wir den Gang entdeckten, war es für mich wie ein Spiel. Aber jetzt, jetzt wird mir das erst richtig bewußt.

Sie lehnte sich noch immer an Blautiger, der es entweder nicht bemerkte oder nichts dagegen hatte.

Ich habe nichts gespürt, sagte er nachdenklich. Blumen wachsen doch überall in Pardos. Hast du wirklich erst im Hof dieses Gefühl gehabt?

Ja, aber... vielleicht wirken die Blumen auf jeden einzelnen anders.

Wir sollten doch besser die anderen warnen.

Nein, lehnte Isana ab, jetzt sind wir schon so weit gegangen, daß ich erst wissen möchte, wohin der Gang führt.

Sie gingen weiter, wobei Isana wieder die Kerze trug. Nach einer Weile mündete der Korridor in einem fünfeckigen Saal, dessen Boden ein fünfzackiges Sternenmosaik bildete. An den Spitzen der Strahlen traten die Reliefe von drei Frauen und zwei Männern aus den Wänden. Zwischen den Abbildungen hingen Steintafeln mit Schriftzeichen, die weder Blautiger noch Isana lesen konnten.

Die fünf Halbgötter, flüsterte Isana ehrfürchtig. Wir haben ihre Gräber gefunden.

Ein Geräusch ließ sie zusammenfahren. Blautiger packte Isana, die die Kerze fallen ließ, und zerrte sie in die Deckung eines Reliefs. In der Mündung des Ganges zeichnete sich der Schatten eines großen Mannes ab. Er war stehengeblieben, das Schwert kampfbereit in der Rechten. Die Flamme der Kerze flackerte stark und beleuchtete kurz das verzerrte Gesicht des Mannes, als dieser einen Schritt näher trat. Isanas Keuchen wurde von Blautigers Hand, die sich auf ihren Mund preßte, erstickt. Er war nicht minder überrascht von dem, was er gesehen hatte.

Still, wisperte er fast unhörbar in ihr Ohr, er darf uns nicht sehen, bevor wir wissen, was er will.

Isana nickte, und Blautiger ließ die Rechte sinken, die sich schwer um das Heft seines Schwertes schloß. Mit angehaltenem Atem beobachteten sie, wie sich der Mann, vorsichtig in alle Richtungen spähend, bückte und die Kerze aufhob. Jetzt fiel der Schein direkt in sein Gesicht, und es gab keinen Zweifel mehr - es war Jansur!

*

So wie der Schmerz, hörte auch der Angriff der Tiere und Schemen auf, kurz bevor die drei Auserwählten zusammenbrechen mußten. Wieder erklang das scheußliche Gelächter. Als sie erkannten, daß keine weiteren Wesen kamen, setzten sie sich erschöpft zu Boden.

Es wird immer deutlicher, daß wir getestet werden, sagte Rabe nach einiger Zeit. Irgend jemand will offenbar wissen, was wir können. Bisher wurde unser Widerstand und unsere Geschicklichkeit geprüft. Was wird wohl als nächstes kommen?

Keiner antwortete ihm, und auch als sie wieder aufbrachen, wurde kein Wort gesprochen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Der Korridor schien endlos zu sein. Im Dämmerlicht konnten sie kaum mehr als zehn Manneslängen weit sehen. Außer ihren eigenen Schritten war nichts zu hören, nur ab und zu erklang ein leises Kichern.

Da sie sehr erschöpft waren, legten sie bald eine Ruhepause ein. Der Korridor mündete in einer kleinen Halle, die sich in drei weiteren Korridoren fortsetzte. Der Boden war ein Mosaik mit einem großen Pfeil, der auf die linke Mündung wies. Lardo beschleunigte schon seine Schritte in diese Richtung, als Rabe ihm zurückhielt.

Nicht so schnell. Dies ist bestimmt wieder ein Test. Der Pfeil kann sehr gut eine Falle sein. Lieber sollten wir einen anderen Gang nehmen, aber erst ruhen wir uns aus."

Sie setzten sich und besprachen ihr weiteres Vorgehen. Ja, sagte Lardo, es könnte eine Falle sein, doch vielleicht erwarten die Körperlosen, daß wir auf Grund dieser Überlegung den Gang wählen, wo sich tatsächlich eine Falle befindet.

Und wegen dieser Überlegung, grinste Rabe, nehmen wir den bezeichneten Weg und die Falle befindet sich dort. So können wir ewig weitermachen. Ich glaube, daß uns, egal wohin wir gehen, eine neue Prüfung erwartet.

Fleet nickte.

Wahrscheinlich ist das eine Aufforderung zur Trennung, denn wir sind zu dritt, und es gibt drei Gänge. Nachdem wir uns bisher gemeinsam durchgeschlagen haben, sollen wir nun zeigen, daß wir auch allein gute Kämpfer sind.

Kann schon sein, sagte Rabe gedehnt. Es gefällt mir zwar nicht, aber wir sollten gehorchen, und treffen uns dann wieder hier.

Einverstanden!

Rabe wählte den rechten Gang, Lardo den mittleren, und Fleet betrat den Korridor mit dem Pfeil.

Kaum war Fleet zehn Schritte gegangen, erlosch das Licht, und wieder erklang das donnernde Gelächter. Sie wußte nicht, wie lange es dauerte, bis es wieder hell wurde, denn jeglichen Zeitgefühl wurde ausgelöscht. Als sie sehen konnte, hatte die Umgebung sich verändert. Sie stand auf einer großen Wiese und blickte sich um. Die weite Graslandschaft erstreckte sich bis zum Horizont, nur in weiter Ferne stand ein silberner Obelisk. Wie eine Nadel ragte er in den Himmel, und ein mystisches Leuchten ging von ihm aus. Sollte er ihr Ziel sein? Sonst gab es nichts in dieser merkwürdigen Landschaft.

Merkwürdig war die Umgebung in der Tat. Das Gras war blau, der Himmel grün und die schwarze Sonne ließ ihren Körper keinen Schatten werfen. Alles war so unnatürlich, richtig verkehrt.

Fleet begann auf den Obelisk zuzugehen. Wie lange sie schon marschierte, wußte sie nicht, als sie sich müde ins weiche Gras setzte. Der Obelisk war allerdings kein bißchen näher gerückt.

Das gibt es doch nicht! stieß sie hervor und setzte verbissen ihren Weg fort. Bei ihrer nächsten Rast hatte sich die Entfernung noch immer nicht verändert. Fleet begann zu überlegen.

Bisher hatten die Körperlosen ihr Durchhaltevermögen und ihre kampferischen Fähigkeiten geprüft. Was war es diesmal? Worin lag der Sinn in dieser verkehrten Welt?

Verkehrt? wiederholte Fleet in Gedanken. Einer Eingebung folgend kehrte sie dem Obelisk den Rücken zu und ging einige Schritte. In einer verkehrten Welt muß man vielleicht verkehrt handeln, um ans Ziel zu kommen.

Als sie sich wieder umsah, hatte sich nichts geändert, der Obelisk war immer noch gleich weit entfernt. Fleet ließ sich dadurch nicht entmutigen und ging weiter in die entgegengesetzte Richtung.

Als sie sich eine Stunde später wieder umdrehte, bemerkte sie, daß sie dem Obelisken schon viel näher gekommen war. Nach wenigen Minuten bekam sie plötzlich einen heftigen Stoß in den Rücken, und als sie sich umdrehte, stand sie direkt vor der silbernen Nadel. Sie hatte sich nicht geirrt, diesmal hatten die Körperlosen ihre Intelligenz getestet.

Sie legte ihre Hände auf den Obelisk, und es wurde schwarz um sie. Als sie wieder sehen konnte, stand sie in der Halle neben Lardo. Kurz nach ihr tauchte auch Rabe aus dem Nichts auf.

Es stellte sich heraus, daß die anderen das selbe Erlebnis gehabt hatten.

Hört zu, sagte die bereits bekannte Stimme freundlich. Ihr habt richtig erkannt, daß wir euch testen. Bis jetzt habt ihr alle Prüfungen erfolgreich bestanden. Nur noch eine steht euch bevor, doch diese ist die schlimmste von allen. Ihr müßt das Schrecklichste anschauen und ertragen. Wenn ihr auch das schafft, ohne daß sich euer Verstand dabei verwirt, dann erhaltet ihr das Geschenk der Götter. Konzentriert euch auf den Grund euer Reise und ihr schafft es... vielleicht!

Fleet dachte daran, daß sie die Waffe erringen mußte, um die Bedrohung der Kristallkrieger abzuwenden, und versuchte, sich auf das schlimmste vorzubereiten. Laut schrie sie auf, hörte es aber genauso wenig, wie die Schreie ihrer Begleiter, die das gleiche sahen, wie sie. Sie alle erblickten Skadi - ohne Maske!

*

Tezit, der nach Lardos Abwesenheit die Vanera-Krieger führte, verteilte seine Männer. Anfangs verlief die Erkundung der Umgebung ereignislos, das Land sah wirklich wie ein Paradies aus. Es gab ausgedehnte Wälder, dazwischen saftige grüne Wiesen mit vielen Blumen, aber keine gefährlichen Tiere. Überhaupt konnten sie keine großen Tiere entdecken. Die wenigen kleinen kamen neugierig näher und ließen sich sogar streicheln.

Alles schien völlig harmlos zu sein. Als die Männer zum festgesetzten Zeitpunkt sich wieder trafen, hatte keiner außer Marum etwas außergewöhnliches zu berichten.

Ich habe einen Teich entdeckt, meldete dieser, dessen Wasser so klar ist, daß man bis zum Grund sehen kann. Er ist sehr tief und genau in der Mitte liegt ein weißer Stab, in den mir unbekannte Zeichen geritzt sind. Ich wollte hineintauchen, um ihn zu holen, aber der Teich ist so tief, daß ich nicht einmal den halben Weg schaffte. Kein normaler Mensch kann den Stab je erreichen.

Tezit nickte zufrieden. Das würde Skadi interessieren. Sie kehrten in die Stadt zurück und fanden die Hohepriesterin wartend vor dem goldenen Gebäude. Tezit befahl Marum, seinen Bericht zu wiederholen.

Es ist gut, sagte Skadi, ihr habt gefunden, was ich suchte. Der weiße Stab ist bestimmt der Schlüssel zur Barriere. Wenn die Auserwählten zurück sind, werde ich ihn holen.

*

Jansur schaute sich um, entdeckte Blautiger und Isana aber nicht. Er schien zu glauben, daß sie die Halle durch den anderen Korridor bereits wieder verlassen hatten. Er hielt die Kerze an die Reliefe und betrachtete sie. Es waren kunstvolle Werke, die lebensgetreu die Halbgötter, in Jade gehauen, darstellten. Die sorgfältig ausgearbeiteten Kleidungsstücke waren reich mit Edelsteinen, Gold und Silber verziert. Gier trat in Jansurs Augen. Er strich mit dem Zeigefinger über den Jadestein, dann zog er seinen Dolch aus den Gürtel. Hastig brach er einige Edelsteine aus dem Relief.

Er schändet die Gräber der Halbgötter, wisperte Isana. Dürfen wir das zulassen?

Plötzlich knirschte es. Eine Gestalt trat aus dem Relief und ließ es leer zurück. Choran, die geschändete Halbgöttin, war erwacht. Jansurs Schrei gellte durch die Halle und fand seine Echos in den Gängen. Er wich zurück, doch Chorans Jadearme schlangen sich um seine Brust und drückten zu.

Nein! gurgelte Jansur, Nein!

Er verstummte jäh, als mit lautem Knacken seine Knochen brachen und er tot aus Chorans Armen zu Boden fiel. Die Halbgöttin kehrte wieder an ihren Platz zurück und das Leben verließ sie.

Komm, wir hauen ab!

Blautiger stieß Isana zum Ausgang. Sie rannten, als wären Choran und ihre Geschwister auch hinter ihnen her. Völlig außer Atem erreichten sie den Ausgang und kletterten hinauf. Isana war erschüttert von Jansurs Ende.

Er hat uns lange Zeit sehr gut geführt, sagte sie, konnte aber nicht verkraften, daß Fleet an seine Stelle trat. Jetzt hat er seinen wahren Charakter gezeigt, dennoch meine ich, daß er ein solches Ende nicht verdient hat.

Blautiger zuckte nur mit den Schultern. Ihm war Jansur nie besonders sympatisch gewesen.

Gehen wir zu Skadi.

*

Es war Abend geworden und auch die anderen versammelten sich wieder bei dem goldenen Gebäude. Als Isana und Blautiger kamen, führte gerade Perle das Wort.

Wo sind denn die Schätze, die uns versprochen wurden? hörte Isana sie sagen. Bis jetzt haben wir nur zerfallene Gebäude gesehen, aber keine Kostbarkeiten. Hier sind wir, weit von unserem Zuhause. dem Meer, entfernt, gefangen in einer toten Stadt.

Wir hätten Rabe nie folgen dürfen, schrie ein Seefahrer.

Feuervogel stand auf. Ihr alle seid Rabe freiwillig gefolgt, keiner hat euch dazu gezwungen. Also...

Er wurde von Perle unterbrochen.

Wir wurden von ein Märchen über unvorstellbare Reichtümer hierher gelockt, und jetzt haben wir gar nichts mehr, weder Reichtum, noch eine Heimat. Und dank dieser Wolfsfrau, sie zeigte auf Skadi, ist unser Anführer auch noch verschwunden.

Gerade wolltest du Rabe die ganze Schuld in die Schuhe schieben.

Isana unterbrach die streitenden Lears.

Wir haben etwas entdeckt, rief sie. Wir haben das Grab der Halbgötter gefunden.

Skadi, die schweigend die Vorwürfe ignoriert hatte, drehte sich um.

Erzähle! sagte sie nur.

Isana berichtete was ihnen widerfahren war, und alle hörten gespannt zu. Ich bin sicher, daß die fünf Reliefe die fünf Halbgötter darstellen, die den Sagen nach hier in Pardos leben sollten, schloß sie.

Skadi wirkte auf einmal sehr aufgeregt.

Wo ist diese unterirdische Halle? Führt mich hin, befahl sie den beiden und zu den Umstehenden gewandt: Wenn die Auserwählten den Tempel verlassen, holt mich.

Es war ein kurzer Weg, so daß sie die Halle rasch erreichten. Knapp erklärte Skadi, daß es Hypnoseblumen gewesen waren, die in Isana den Leichtsinn geweckt und in Blautiger das Mißtrauen verstärkt hatten. Sie studierte lange die Steintafeln, während ihre beiden Begleiter die Reliefe mißtrauisch im Auge behielten, aber sie rührten sich nicht.

Was ist? fragte Isana schließlich die Priesterin. Kannst du die Schrift lesen?

Sie hatte nicht mit einer Antwort gerechnet, doch Skadi begann bereitwillig zu erzählen.

Die Tafeln sind in der Urschrift geschrieben, die den ersten Menschen von den Göttern beigebracht worden war. Von ihr stammen die Schriften ab, die heute von den drei Völkern verwendet werden.

Weshalb kannst du sie lesen? erkundigte sich nun auch Blautiger.

Ich lernte sie, als ich ...jung... war. Die alten Tempelschriften sind mit diesen Zeichen geschrieben.

Sie strich nachdenklich über die Reliefe.

Die Tafeln erzählen die Geschichte der Halbgötter, die bis jetzt nur bruchstückhaft bekannt war. Wollt ihr sie hören?

Die beiden nickten.

*