Die Jadetafeln von Pardos:
Emariel die Liebesgöttin verliebte sich im Donneradler aus dem Stamm Arm. Sie bewog mit ihrer Macht Tsoruzak, den Gott der Kunst, ihr ein Paradies auf Erden zu bereiten: die goldene Stadt Pardos. Dort lebte sie mit Donneradler, bis sie seiner überdrüssig wurde. In dieser Zeit gebar sie ihm fünf Kinder, die Knaben Leno und Garm, und die Mädchen Choran, Zedra und Waringa.
Als Sorghum, der Götterkönig, dies erfuhr, belegte er Pardos mit einem Bann. Solange die Halbgötter oder einer ihrer Nachkommen lebten, würde keiner die Stadt verlassen können, damit nicht noch mehr göttliches Blut unter die Menschen kam. Das verhinderten die Tote Zone und eine Zauberbarriere.
Sorghum verspürte aber Mitleid mit den Halbgöttern, und damit sie nicht einsam waren, wurde die Zauberbarriere in eine Richtung durchlässig. So geschah es, daß mutige, kräftige Männer und Frauen nach Pardos gelangten, die Stadt aber nicht mehr verlassen konnten, da auch sie den göttlichen Samen in sich tragen konnten.
Die Menschen lebten gut in Pardos. Alle, die der Schätze wegen kamen, fanden reichlich das Gesuchte. Sie starben schließlich an Altersschwäche, und da es stets weniger Frauen als Männer gab, geboren sie nur wenige Nachkommen, die auch bald starben. Und es kamen immer seltener Menschen nach Pardos.
Nachdem die Halbgötter mehrere Generationen gelebt hatten, erschien Kalmos, der Schicksalsgott. Er brachte eine goldene Schatulle und sprach:
Baut einen Tempel. Es ist mein Wille, daß ihr darin diesen Schatz bewahrt, denn ich verheiße einen schrecklichen Krieg, der aller Menschen Untergang sein wird, wenn nicht mutige Menschen den Weg hierher finden und den Zauber brechen. In dieser Schatulle liegt das Mittel für den Sieg und für eure Erlösung.
Die Halbgötter gehorchten und bauten den Tempel. Dann sammelten sie die Seelen der Verstorbenen, die wegen der Barriere nicht in Turags Reich gelangen konnten, und setzten sie als Wächter über die Schatulle ein. Sie selbst aber, des Lebens überdrüssig, versteinerten. Nur ab und zu erwachen sie für kurze Zeit, um sich an Frevlern zu rächen, die ihre Ruhe stören.
Du, der du dies gelesen hast, gehe hin zum Tempel, erringe die Schatulle und erlöse die Halbgötter, damit sie endlich sterben können.
Rabe spürte, wie der Wahnsinn an seinem Verstand zerrte. Der Anblick von Skadis Gesicht, so schrecklich, daß man es nicht mit Worten beschreiben konnte, brannte sich in sein Gehirn. Nie würde er es vergessen. So sah also die Frau aus, die er liebte, die Frau, die ihm der Kristall als die schönste der Welt gezeigt hatte. Skadi, Hohepriesterin der Turag, unsterbliche Zauberin - eine Frau ohne Gesicht! An seiner Stelle befand sich ein schwarzglühendes Loch. Blickte man hinein, sah man angedeutete Gesichter, deren Züge ständig zerflossen, um neue zu bilden. Es waren die Gesichter jener Unglücklichen, deren Seelen Skadi gefressen hatte. Das war der Preis, den sie für ihr langes Leben bezahlt hatte. Rabe erkannte, daß sie schon lange kein Mensch mehr war, sondern sich in der Endphase einer Metamorphose befand, die sie zu einem Dämon machen würde. Und dann gehörte sie endgültig Turag!
Rabe, Fleet und Lardo schrien noch immer, als das Bild längst verblaßt war, aber immer noch in ihrer Erinnerung seine furchtbare Wirkung tat. Sie kämpften gegen den Wahnsinn. Dieses Gesicht war mehr als ein normaler Mensch ertragen konnte. Als Rabe langsam wieder in die Wirklichkeit zurückfand, war sein Gesicht vom Grauen gezeichnet. Er wußte, wie knapp er nocheinmal davon gekommen war, und ewig würde ihn das Erlebte verfolgen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er fähig war, sich um die wimmernde Fleet zu kümmern. Er schlug ihr mit der flachen Hand mehrmals ins Gesicht, bis sie aufhörte. Mit schreckgeweiteten Augen, aus denen langsam der Wahnsinn wich, sah sie ihm an.
Skadis Geheimnis
, flüsterte sie und barg ihr Gesicht an Rabes Brust. Unter Tränen stammelte sie:
Ich kann Skadi nicht hassen... ich bemitleide sie. Was muß sie ertragen mit diesem...
Sie konnte nicht weiter sprechen.
Es ist ja alles vorbei
, versuchte Rabe sie zu beruhigen, und schob sie von sich.
Er beugte sich über Lardo, der still auf dem Boden lag. Mit offenen Augen starrte er an die Decke. Seine Hände krampften sich um die Peitsche. Langsam richtete er sich auf.
Skadi ... eine Dämonin. Jetzt weiß ich, was aus meinen Männern wurde. Ich sah ihre Gesichter...
Rabe atmete auf. Sie hatten alle den Wahnsinn bezwungen. Plötzlich kam ein warmer Lichtstrahl von der Decke und hüllte sie ein.
Ihr habt alle Prüfungen bestanden
, sagte die Stimme sanft. Wir heilen eure körperlichen und seelischen Wunden.
Tatsächlich begannen sie sich besser zu fühlen. Wieder sprach die Stimme zu ihnen.
Folgt den Pfeil, ihr Auserwählten. Er wird euch aus dem Tempel führen. Wir danken euch, denn wir haben unsere Aufgabe erfüllt und werden erlost. Nun können wir endlich in Turags Reich einziehen.
Was ist mit der Waffe?
, rief Fleet.
Plötzlich hielt sie eine goldene Schatulle in den Händen. Fleet versuchte, sie zu öffnen, aber als das nicht gelang, machten sie sich auf den Weg zum Ausgang.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als Fleet als letzte durch das Portal ins Freie trat. Das helle Licht blendete sie einen Augenblick, dann erkannte sie Skadi vor der versammelten Menge.
Zu dritt blieben sie vor der Hohepriesterin stehen. Fleet konnte sich des Wahnsinns erinnern, der nach ihr gegriffen hatte, als sie Skadi ohne Maske gesehen hatte. Jetzt aber war das alles nur eine Erinnerung. Sie hatte keine Angst mehr vor ihr, nur Mitleid war übrig geblieben.
Die Menschen versammelten sich in einem großen Kreis und hörten zu, wie Rabe berichtete. Er erzählte genau, was ihnen widerfahren war.
Seltsam
, dachte Fleet, er scheint sie noch immer so zu lieben wie vorher. Ob er unter einem Bann steht?
Doch diese Gedanken wurden sogleich von anderen verdrängt.
Wir sind also die Auserwählten
, überlegte sie. Auserwählt - wozu? Soll diese Frau, die kein Mensch mehr ist, aber auch noch kein Dämon, uns die Befehle geben?
Während Rabe über die Prüfungen, denen sie unterzogen worden waren, sprach, erinnerte Fleet sich der schweren Reise nach Pardos. Erst jetzt erkannte sie, wie sehr das Schwert sie beeinflußt hatte. Sie begriff, daß es nicht die Göttin Shalani war, die sie beinflußt hatte, sondern daß sie lediglich in Fleets Körper gefahren war an gegen Skadi Rache zu nehmen, so wie das die Götter manchmal zu tun pflegen, wenn sie in die Geschicke der Menschen eingreifen.
Das Schwert war aus einem Splitter von Sorghums Auge angefertigt. Zwar hatte es nicht mehr die usprüngliche Wirkung, aber ein kleiner Teil seiner Kraft war geblieben. Sie selbst hätte sich gerne als Schwertkämpferin gesehen, und das Schwert hatte ihr dazu verholfen. Die Magier wollten Shalani sehen, also sahen sie Shalani. Und Skadi - die Hohepriestering war bestimmt nicht so einfach zu täuschen, da sie zu wissen schien, daß Shalanis Anwesenheit einmalig war. Sie wußte auch um die Kraft, die im Schwert steckte, aber sie schien es selbst nicht benutzen zu können, sonst hätte sie es nicht aus der Hand gegeben. Doch weshalb gab sie es Rabe? Auf diese Frage wußte Fleet keine Antwort.
Rabe erzählte gerade von der verkehrten Welt. Fleet hörte ihm einen Moment zu. Er hat jetzt mein Schwert
, dachte sie. Wenn ich es zurückverlange, ob er es mir geben würde? Aber ich brauche es eigentlich nicht mehr, soll er es behalten. Ihn scheint es nicht zu beeinflussen.
Rabe kam zum letzten Teil ihrer Geschichte. Skadi saß ganz steif auf dem Rücken ihres Wolfes, als bereitete sie sich darauf vor, daß ihr Geheimnis gelüftet werden würde. Rabe aber deutete mit keinem Wort an, was das Grausame war, das sie gesehen hatten.
Und schließlich
, schloß er, bekam Fleet die Schatulle. Wir folgten dem Pfeil und erreichten den Ausgang.
Die Menschen standen ganz still und hielten den Atem an. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo das Geheimnis um Pardos und seine Waffe gelüftet werden sollte. Sogar Perle starrte gebannt auf die Schatulle und hielt den Mund.
Skadi streckte ihren Arm in Fleets Richtung. Fleet sah erst die Hand an, dann in die Sehschlitze der Wolfsmaske, und dachte daran, was sie verbarg. Sie war plötzlich entschlossen, Skadi zu trotzen.
Nein
, sagte sie, wir sind die Auserwählten. Uns ist diese Schatulle gegeben worden, nicht dir.
Und wie willst du sie öffnen?
spottete Skadi. Die Schatulle lag plötzlich in ihrer Hand, ohne daß sie oder Fleet sich gerührt hätten. Sie war klein und lag recht unscheinbar in ihrer Rechten. Die Priesterin betrachtete sie von allen Seiten.
Fleet biß die Zähne zusammen, um nicht laut wegen ihrer erneuten Niederlage zu fluchen. Dann aber hätte sie fast gelacht, denn die Priesterin konnte die Schatulle auch nicht öffnen.
Es sind Zeichen in der Urschrift eingraviert
, erklärte sie, und sie besagen folgendes: drei Schlüssel benötigst du, um die Schatulle zu öffnen. Ein Schlüssel ist in Pardos versteckt, einen verwahren die Schwarzen Hexen und einen Schlüssel bewacht Turag. Jeder Schlüssel hilft dir dreimal aus schwerer Not, aber vergeude diese Gabe nicht unnötig.
Als sie verstummte, fingen alle an, durcheinander zu reden. Die einen waren wütend, daß sie die Waffe noch immer nicht besaßen, die anderen enttäuscht.
Skadi
, fragte Rabe, was sind das für Schlüssel? Müssen wir sie wirklich auch noch suchen? Kannst du nicht mit deiner Zauberkraft die Schatulle öffnen?
Auch mir sind gewisse Grenzen gesetzt. Und was die Schlüssel betrifft, ein Vanera fand den ersten in einem Teich. Ich werde ihn holen.
Sie reichte Fleet die Schatulle zurück, und diese folgte zusammen mit Rabe, Lardo, Feuervogel und Perle Skadi, während die übrigen beim Tempel auf ihre Rückkehr warteten. Der Weg führte sie aus der Stadt hinaus in einen kleinen Hain. Von hohen Blumen und Schilf umsäumt, glitzerte der Teich im Sonnenschein.
Er ist sehr tief
, stellte Perle fest und tauchte ihre Hand hinein, und sehr kalt. Wo ist denn der Schlüssel?
Dort, genau in der Mitte
, deutete Feuervogel auf einen unscheinbaren Gegenstand. Siehst du ihn?
Perle stellte sich auf die Zehenspitzen.
Ah, ja - jetzt!
Sie schauten zu, wie Skadi ins Wasser schritt und in die Tiefe tauchte. Es dauerte sehr lange, und die Priesterin wurde immer kleiner, bis sie an den Grund gelangte. Sie zog den Stab aus der Erde und schwamm an die Oberfläche. Als sie an Land watete, sahen alle, wie groß der Stab wirklich war.
Und mit dem Ding soll die Schatulle zu öffnen sein?
zweifelte Feuervogel. Der ist doch viel zu groß für die winzige Öffnung.
Fleet zuckte mit den Schultern. Ihr war noch etwas anderes aufgefallen: Skadi war nicht naß.
Die Priesterin wog den Stab in beiden Händen, während sie las, vergiß nicht - nur dreimal hilft dir der Schlüssel.
Die anderen erschraken, als sie mit einem Ende heftig auf den Boden schlug. Sogleich schrumpfte der Stab um die Hälfte. Sie stieß nochmals zu, und der Stab maß nur mehr drei Handspannen.
So ist es gut!
Sie schob ihn in die Öffnung der Schatulle, die Fleet ihr entgegenhielt. Der Stab leuchtete kurz auf, und Skadi zog ihn wieder heraus.
Nun fehlen also noch zwei Schlüssel
, stellte Fleet fest, und neuer Tatendrang ergriff Besitz von ihr. Wird der Stab auch die Zauberbarriere öffnen?
Skadi nickte.
Das ist die zweite Hilfe, für den wir ihm beanspruchen. Die erste soll die Erlösung der Halbgötter sein.
Verblüfft schauten alle sie an. Feuervogel und Perle hatten den dreien von der Entdeckung der Grabkammer berichtet.
Du... du willst die Halbgötter wirklich erlösen?
stammelte Perle.
Ich hätte das nicht für möglich gehalten
, raunte Lardo Fleet zu. Ich hielt sie für unfähig, menschlich zu empfinden.
Natürlich
, entgegnete Skadi kühl. Sie haben einen Anspruch darauf. Nachdem sie ein nahezu ewiges Leben in Gefangenschaft ertragen mußten, sollen sie endlich ihre verdiente Ruhe finden.
Fleet glaubte, einen sehnsüchtigen Unterton zu vernehmen. Sehnte sich auch Skadi nach Erlösung? Sie sah, daß Perle plötzlich Skadi voller Hochachtung anblickte.
Auf dem Weg zur Grabkammer schlossen sich ihnen noch Isana und Blautiger an. Skadi trat zum Relief Lenos.
Mögest du deinen Frieden finden
, murmelte sie und berührte den Jadestein mit dem Stab. Aus dem Stein schien ein Seufzer zu kommen, und seine Farben wurden stumpf. Die Konturen verloren sich, und zurück blieb nacktes Mauerwerk.
Anschließend wiederholte sie die Zeremonie bei den anderen Halbgöttern. Dann verließen sie die Grabkammer über die sich der Brunnen für immer schloß.
Was jetzt?
fragte Isana, als sie bei den Wartenden ankamen. Brechen wir gleich auf, um die restlichen Schlüssel zu suchen?
Morgen
, bestimmte Skadi. Heute werden wir uns noch ausruhen und Vorräte für den Weg sammeln. Dann machen wir uns auf den Weg zur Küste, um mit Rabes Schiff zur Insel der Schwarzen Hexen zu segeln.
Es kann aber nicht alle aufnehmen
, unterbrach Rabe sie. Für soviele ist es zu klein.
Ich schlage vor, daß wir uns trennen
, meldete sich Fleet zu Wort. Einige von uns sollten in die noch freien Länder zurückkehren und den Menschen davon berichten, daß wir Pardos gefunden haben und die Hilfe nahe ist. Wir müssen ein Heer aufstellen, das die Kristallkrieger bekämpft und ihr weiteres Vordringen verhindert. Vielleicht könnten wir die Steppenreiter und Söldner der Grenzherzöge mit den Krenat und Vanera vereinen."
König Shyakul...
, begann Lardo.
Ihr seid seine Leute
, unterbrach ihm Skadi, ihr müßt entscheiden, ob ihr zurück zu ihm geht, und ihm alles erzählt. Er soll die fliehenden Krenat aufnehmen und sie in sein Heer eingliedern. Vielleicht kann er dann die Kristallkrieger aufhalten, bis wir alle Schlüssel haben. Ich bezweifle zwar, daß er dies tun wird, doch sagt ihm, daß dies mein Rat ist.
Lardo sah erst seine Männer an, dann Fleet.
Wirst du mit mir kommen, Fleet? Vielleicht kannst du als Mittlerin zwischen unseren Völker fungieren.
Sie nickte.
Ja, Lardo, ich komme mit euch. Ich und alle, die mir folgen wollen.
Das waren außer den Vanera-Krieger sämtliche Krenat. Isana stieß Blautiger an, der etwas unverständliches murmelte und dann meinte, Na ja, einer wird wohl aufpassen müssen, daß du nicht wieder leichtsinnig wirst, wenn du an einem Blumenbeet vorbeigehst. Ich komme mit.
Isana strahlte und drückte freudig seinen Arm. Die übrigen Seefahrer wollten zu ihrem Schiff zurück und mit ihnen Skadi.
Doch wer nimmt die Schatulle an sich?
fragte Feuervogel.
Fleet spielte einen Moment unentschlossen mit ihr und die Erinnerung an Skadis überraschende Barmherzigkeit den Halbgöttern gegenüber gab den Ausschlag.
Ich schätze
, reichte sie der Priesterin die Schatulle, bei dir ist sie am sichersten. Auch wirst du am schnellsten Hilfe bringen können.
Skadis Stimme klang überraschend warm, als sie die Schatulle annahm.
Ich wußte, daß du so entscheidest, und danke dir für dein Vertrauen. Bald wird Cynera versuchen die Schatulle an sich zu bringen. Bisher unternahm sie nichts, weil noch nie jemand Pardos verlassen hat. Bricht die Zauberbarriere zusammen, wird sie wissen, daß von uns Gefahr droht.
Und was sollen wir machen?
wollten die beiden Magier wissen. Der Weg der Herrin ist für uns zu weit.
Ihr bleibt hier
, bestimmte Fleet. Baut die Stadt wieder auf, damit die Menschen eine Zufluchtsstätte nach dem Krieg haben und bewahrt unser Wissen und unsere Kultur.
Damit war alles besprochen. Die Menschen liefen auseinander, um ihre Vorräte aufzufrischen und in ihr Lager zurückzukehren. Plötzlich stand Skadi zwischen Fleet und Lardo.
Hört, ich habe euch beiden noch etwas zu sagen.
Ja?
In Fleet keimte erneutes Mißtrauen auf. Das Verhalten der Priesterin war höchst widersprüchlich. Was war eigentlich ihr Gewinn?
Eure Waffen sind nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Waffen, denn an ihnen haftet mein Zauber. Gebt sie nicht aus der Hand, weil sie ihn dann verlieren. Mit ihnen könnt ihr die niederen Dämonen töten und auch die Kristallkrieger.
Warum rüstest du nicht einfach ein Heer mit Zauberwaffen aus?
erkundigte sich Lardo.
Ich kann nicht unendlich viele Waffen herbeischaffen. Zuviel Zauber in der Menschenwelt erlauben die Götter nicht, da es das Gleichgewicht gefährdet und die Grenzen zum Reich der Dämonen verwischt.
Und was ist mit dem Stab?
Er gewährt nur kleine Hilfen, Fleet.
Mit ihm konntest du die Halbgötter erlösen. Kann er auch dir helfen?
Was meinst du damit?
fragte Skadi scharf.
Fleet blieb gelassen.
Kann er dich wieder zu einem Menschen machen?
Noch im Umdrehen entgegnete die Priesterin düster: Für mich gibt es keine Hilfe mehr.
Am Morgen brachen sie auf, ausgerüstet mit den Waffen der Verstorbenen und reichlich Proviant. Fleet winkte den beiden Magieren zum Abschied zu und folgte den anderen.
Gegen Mittag erreichten sie die Barriere. Skadi öffnete sie, indem sie das Stabende dagegen drückte. Nun waren sie frei und konnten sich auf den Weg machen. Nach einer Weile schaute Perle zufällig zum Himmel.
Seht, da ballen sich Wolken!
Riesige Wolken türmten sich über ihnen, und Wind kam auf.
Es wird regnen
, meinte Skadi. Pardos ist wieder jedermann zugänglich, die Tote Zone wird nicht mehr benötigt. Nun wird aus der Wüste fruchtbares Land werden.
Es dauerte nicht mehr lange, und es goß in Strömen. Die ausgetrocknete Erde sog gierig alles auf und verwandelte sich in ein Schlammeer. Eines der Pferde, die die Vanera wieder eingefangen hatten, brach sich ein Bein und mußte getötet werden. Sie kamen nur noch langsam vorwärts.
Nach zwei Tagen hörte der Regen endlich auf. Nach drei weiteren Tagen erreichten sie die Stelle, an der die Seefahrer die Krenat und Vanera getroffen hatten. Hier würden sich ihre Wege wieder trennen. Fleet war froh, denn Skadi reizte sie immer wieder zu unüberlegten Handlungen. Auch hoffte sie, Kyrdo und die anderen wiederzusehen. Sie schmiedete bereits Pläne, wie sie Krenat und Vanera gegen die Heere der Kristallkrieger vereinigen könnte, um sie aufzuhalten. Vielleicht gelang es ihr sogar, den Schwachpunkt Cyneras zu entdecken.
Es gab einen kurzen Abschied, bei dem Skadi Fleet den Stab überreichte.
Ihr werdet ihn vielleicht brauchen, denn nun ist Cynera auf uns aufmerksam geworden und ihr habt nichts, was euch vor ihr schützen kann außer der Lanze und der Peitsche. Denke daran, daß sie euch nur gegen niedere Dämonen nützen. Für die großen, mächtigen sind diese Waffe nur ein Spielzeug, und ich weiß nicht, wie stark Cynera noch ist, seitdem sie den Blitzspeer verlor.
Ohne die Führung Skadis wurde das Weiterkommen auf einmal viel schwieriger. Erst jetzt erkannte Fleet, daß Skadi mit ihrer Zauberkunst es offenbar geschafft hatte, einen nicht allzu beschwerlichen Weg zu finden. Zwar wurde nach den Regentagen das Land endlich wieder etwas trockener, aber es wurde damit auch gefährlicher.
Schon kurz nach der Trennung von den Seefahrern hatte Lardo angeordnet, daß stets zwei Mann zu Fuß voraus gehen sollten, um den Weg zu erkunden. Ihnen folgten sich abwechselnden Reiter und die Wanderer.
Bald hatte sich auch schon herausgestellt, wie vernünftig diese Anordnung war. Tezit, der einer der Erkunder war, bemerkte, daß der Boden sich anders anfühlte als all die Stunden zuvor. Er war trocken, aber erschien jeden Schritt zu federn.
Überrascht hielt er inne und sah sich um. Im letzten Moment, bemerkte er den sich neben ihm den lautlos spaltenden Boden. Er machte einen Riesensprung nach hinten, und das rettete ihm das Leben, denn dort, wo er gerade noch gestanden hatte, schien der Sand flüssig geworden zu sein. Sein Begleiter hatte weniger Glück. Tezit sah, wie aus einem Riß im Boden Sand hervorquoll und die tiefen Furchen, die der Körper seines Freundes hinterlassen hatte, füllte.
Schon war Lardo bei ihm und vergewisserte sich, daß der andere nicht mehr zu retten war. Danach blickte Lardo sich um und versuchte zu klären, was passiert war. Es war aber nichts ungewöhnliches zu sehen.
Hast du das gesehen
, flüsterte Tezit, es war, als würde die Erde sich spalten und der Schleim der Unterwelt an die Oberfläche treten, um uns zu verschlingen.
Jetzt einmal langsam, mein Junge
, versuchte Lardo ihm zu beruhigen. Wenn die Unterwelt sich geöffnet hätte, würden wir alle hier wohl kaum noch stehen. Also was ist denn genau geschehen?
Tezit berichtete was ihnen widerfahren war, und schloß: Ich war sicher, daß irgend etwas versuchte, mich zu ergreifen. Ich kann auch jetzt kaum glauben, daß ich entkommen bin
Bestimmt war das irgend ein natürliches Phänomen, wenn ich es auch nicht erklären kann. Es hat uns jedenfalls einen Mann gekostet. Daran können wir erkennen, wie gefährlich diese Gegend ist. Künftig müssen wir noch besser aufpassen, um weitere Opfer zu vermeiden. Vielleicht war dies schon ein Zeichen Cyneras.
Die anderen hatten inzwischen einen Kreis um Lardo und Tezit gebildet, und Droow trat daraus hervor. Allen waren seine hervorragenden Naturkentnisse bekannt.
Was wir erlebt haben
, sagte er, war nur eine Folge der vielen Regenfälle der letzte Tage. Es haben sich Tümpel mit Treibsand geformt, die aber nicht als solche zu erkennen sind, weil die warme Sonne die obere Schicht getrocknet hat. Manchmal kann man sogar über so einen Tümpel gehen, ohne etwas davon zu bemerken.
Aber wenn die obere Schicht vielleicht einen Menschen tragen kann, ein Pferd wird sicher hindurch sacken
, ergänzte Fleet. Die Wüste ist noch gefährlicher geworden, als sie vorher schon war.
Droow nickte. Das wird aber in einigen Monaten vorbei sein. Hier wird ein blühender Garten entstehen. Die ersten kleinen Halme sprießen bereits.
Das nützt uns jetzt nicht viel. Vor dem Treibsand sind wir jetzt gewarnt. Jeder weiß, was es bedeuten kann, wenn sich der Boden weniger fest als gewöhnlich anfühlt. Aber was erwartet uns noch?
Jetzt kamen sie noch langsamer voraus, und tagelang schien die Landschaft sich nicht zu ändern. Fleet fragte sich, wie das weiter gehen sollte.
Sie ritt weiter zu Lardo, der gerade ein Gespräch mit Droow angefangen hatte. Ah, gut, daß du kommst
, wurde sie begrüßt. Droow erzählt mir gerade, daß wir bald den ursprünglichen Rand der Hungerwüste erreichen werden. Er glaubt, daß wir noch vor dem Abend die ersten Büsche und Bäume sehen werden. Dann wird der Boden auch sicherer und fester sein, so daß wir schneller voran kommen.
Fleet sah Droow überrascht an.
So schnell schon?
, fragte sie, Aber, wie weißt du das?
Jetzt war Droow überrascht. Aber das ist doch klar! Das Gras, es ist deutlich höher und kräftiger. Es wächst auch wesentlich dichter und dazwischen befinden sich dicke Moospolster. Hast du nicht gesehen, daß es kaum noch größere Steine gibt?
Fleet sah sich um, und verstand was Droow meinte. Sie wandte sich wieder an Lardo.
Wenn wir also in bewohnte Gegenden kommen, was machen wir dann? Wohin gehen wir?
Ich habe einen Auftrag
, antwortete Lardo. Ich muß dem König berichten, was passiert ist. Von ihm werde ich neue Befehle bekommen.
Und inzwischen dringen die Kristallkrieger immer weiter vor. Was, wenn dein König nichts unternimmt?
Lardos Gesicht verdüsterte sich. Ich habe König Shyakul Treue geschworen, also muß ich seine Befehle ausführen, auch wenn sie mir nicht gefallen.
Fleet sah Lardo ernst an.
Ich habe mit einigen deiner Männer gesprochen
, sagte sie. Shyakul scheint ein grausamer Mensch zu sein und deiner Treue nicht würdig. Du weißt, was passiert, wenn Shyakul nichts unternimmt?
Vielleicht werden die Vanera gar nicht benötigt...
Die Sagen sind deutlich: nur, wenn alle Menschenvölker sich vereinen, können sie den Krieg der Kriege gewinnen. Skadi spricht zwar oft in Rätseln, aber schon daran, daß sie sich persönlich auf die Suche nach einer Waffe macht, kann man erkennen, wie ernst sie alles nimmt.
Trotzdem, ich habe ein Treuegelöbnis abgelegt. Das kann ich nicht brechen!
Ich bin mir sicher, daß du damals den wahren Charakter des Königs noch nicht gekannt hast. Dein Gelöbnis ist unter falschen Voraussetzungen geleistet worden.
Nun, eigentlich habe ich damals dem alten König gegenüber, das war König Aanurim, das Treuegelöbnis abgelegt. Aber als er den Thron Shyakul übergeben hat, sind alle unsere Verpflichtungen auch auf den neuen König übergegangen.
Auf einmal erklang ein Ruf, und Fleet und Lardo sahen beide auf. Eine der Frauen wies mit ausgestrecktem Arm schräg nach vorne, und als Fleet in die angezeigte Richtung blickte, sah sie tatsächlich einen kleinen Baum. Er war verkrüppelt und trug wenig Blätter, aber nur wenige Schritte entfernt stand noch einen Baum, und hinter diesem konnte sie immer mehr erkennen.
Auch die Pferde schienen das Ende der Wüste zu spüren. Als würde neue Energie sie durchströmen, beschleunigten sie ihre Schritte. Bis Sonnenuntergang hatten sie einen Lagerplatz gefunden, Feuer entzündet und sogar eine große Schlange getötet, deren frisches Fleisch als Leckerbissen geröstet wurde.
Fleet hatte inzwischen nachgedacht, und sie war zu dem Schluß gekommen, daß es zwecklos war, Lardo zu folgen. Im Vaneraland konnte sie wohl kaum etwas erreichen. Sie stellte sich neben das Feuer und bat um Ruhe.
Ich habe mit den meisten von euch gesprochen
, rief sie laut, damit sie von allen verstanden wurde, und habe erfahren, daß einige unter euch nicht mit Lardo ins Vaneraland ziehen wollen. Wir alle kennen den Ernst der Situation. Es ist sicher, daß der prophezeite Krieg der Kriege kurz vor dem Ausbruch steht - oder vielleicht hat er sogar schon begonnen. König Shyakul aber verachtet die Krenat und wird uns bestimmt seine Hilfe verweigern.
Deshalb schlage ich vor, daß ein Teil von uns nicht mit den Vanera nach Norden geht, sondern von hier aus nach Südosten in die Landereien der Grenzherzöge und der Steppenreiter. Auch sie müssen wir überzeugen, damit sie sich uns im Kampf gegen die Kristallkrieger anschließen. Und wenn wir als geschlossene Einheit auftreten, können wir sicher den Vanera überzeugen, sich uns anzuschließen.
Den Steppenreitern kann man nicht vertrauen
, rief Isana dazwischen.
Das hat man uns immer erzählt, aber ich glaube es nicht. Auch die Grenzherzöge und Steppenreiter werden von den Kristallkriegern bedroht, und ich glaube, daß sie alles tun werden, um diese Gefahr abzuwenden.
Fleet machte eine kurze Pause.
Trotzdem ist es eine gefährliche Sache
, fuhr sie fort. Wir wissen nicht, wie weit die Kristallkrieger inzwischen vorgedrungen sind. Keiner von uns war je im Süden vom Krenatland, keiner kann auch nur ahnen, was wir vorfinden werden. Aber ich glaube, daß die Mission wichtig ist, und ich frage, wer von euch will mich begleiten?
Fleet sah sich um, doch nur zwei Hände gingen zögernd in der Höhe. Sie kannte beide Männer: Brasam und Eval, zwei Brüder aus Dustong, ein Krenatdorf nicht weit von Brae. Fleet wartete noch eine Weile, aber es kamen keine weitere Hände dazu. Enttäuscht winkte sie die zwei zu sich, um mit ihnen das weitere Vorgehen zu besprechen.
Es war wieder abend geworden, und Perle warf sich unruhig auf ihrem Lager von einer Seite auf die andere. Sie konnte nicht einschlafen und beschloß, ein wenig zwischen den Zelten auf und ab zu gehen.
Es war eine warme Nacht. Eine linde Brise kühlte ihr erhitztes Gesicht und bauschte ihr hüftlanges Haar. Zwischen den dahinziehenden Wolken glitzerten die fernen Sterne. Unwillkürlich wünschte sie sich, an Bord des Sturmseglers zu sein, das Wiegen der Wellen zu spüren und ihr Rauschen zu hören. Perle seufzte sehnsuchtsvoll. Sie stand an der Reling. Rabe kam zu ihr, legte seine Arme um sie und... Sie seufzte erneut. Es war leider nur ein Traum.
Unbewußt hatte die Sehnsucht ihre Schritte zu seinem Zelt gelenkt. Sie ärgerte sich darüber und hoffte, daß niemand sie sah.
Schon wollte Perle sich hastig entfernen, als ihr das kleine Licht in Rabes Zelt auffiel. Neugierig trat sie näher und vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend, zog sie die überlappende Plane am Eingang zur Seite und spähte durch den Spalt.
Rabe saß auf dem Boden und hatte ihr den Rücken zugewendet. Neben ihm lagen Fleets Schwert und eine offene schwarze Lackkassette, die Perles Neugier weckte. Er schien etwas in der Hand zu halten und intensiv zu betrachten. Sie überlegte, ob sie Feuervogel davon unterrichten sollte. Vielleicht wußte er, was Rabe in jener Kassette aufzubewahren pflegte. Es mußte sich jedenfalls um ein großes Geheimnis handeln, sonst würde er sie nicht so sorgfältig verbergen.
Sie wollte gerade gehen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie wirbelte herum, und ihre Rechte griff automatisch nach der Waffe. Noch bevor sie das Heft ihres Schwertes berührte, umklammerte eine zweite Hand mit eisernem Griff ihr Gelenk. Sie taumelte gegen den Zeltpfosten.
Skadi!
Was schnüffelst du hier herum?
Die Hohepriesterin ließ sie los, und Perle stürzte. Sie fiel genau ins Zelt. Rabe fuhr erschrocken zusammen und der Gegenstand, den er betrachtet hatte, entfiel seinen Händen. Der Splitter von Sorghums Auge rollte dicht vor Skadis Füße. Entsetzt starrte diese ihn mit geweiteten Augen an. Was sie hatte vermeiden wollen, war nun geschehen. Laut schrie sie auf.
Nein!
Der Schrei weckte alle Seefahrer. Sie eilten herbei und sahen zusammen mit Perle und Rabe, daß der Kristall Bilder zu zeigen begann. Sie wollten sich abwenden, aber es war zu spät. Der Splitter zog sie in seinem Bann und niemand bemerkte, daß die Hohepriesterin ohnmächtig zusammenbrach.