Aus den Tempelchroniken von Kenzai:

Beran, der Krenat, und Lai, die Vanera, liebten sich. Sie hatten fünf Kinder, Del und Rana, die das Volk der Krenat gründeten, Harge und Prayana, die Vorfahren der Vanera, sowie Skadi, deren Liebhaber die Dämonen, die Kinder der Götter, waren. Skadi war eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit. Klein und zierlich, mit langem, weinrotem Haar und mandelförmigen meerblauen Augen im ebenmäßigen Gesicht.

Während ihre Geschwister Kinder gebaren, wilde Tiere zähmten und Nutzpflanzen anbauten, beobachtete Skadi die Tiere und Pflanzen und lernte sehr viel. Sie sprach mit den Göttern und ließ sich von den Dämonen kleine Zauber beibringen. Einer von ihnen hieß Allin. Er sah sehr gut aus und unterschied sich nur durch seine schwarze, glänzende Haut und die weißen Schlitzpupillen in den schwarzen Augen von einem Menschen. Er hatte langes, weißes Haar, war groß und schlank. Skadi zählte 24 Sommer, als sie sich ineinander verliebten. Doch nur kurze Zeit des Glücks war ihnen vergönnt, denn Cynera erblickte Allin und verliebte sich heftig in ihn. Aber er wies sie ab, und die beleidigte Götterkönigin stach ihn voller Zorn mit ihrem Blitzspeer.

Allin starb, und Skadi zog sich voller Trauer in den Wald zurück. Ihre Mutter Lai wandte sich an Turag, der über Cynera richten sollte. Doch die Göttin erklärte ihr, daß es allen Göttern freisteht, zu töten oder zu belohnen, wie es ihnen gefällt. Sie versprach aber, Skadi zu helfen.

Beran dagegen lehnte Turags Hilfe ab, da er ihre Macht fürchtete. Insgeheim war er sogar froh, daß Allin tot war und Skadi fort, denn er hatte Angst vor den Zauberkräften seiner jüngsten Tochter.

Zwischen Beran und Lai kam es schließlich zu einem offenen Streit, und als Skadi nach einigen Wochen zurückkehrte, erfuhr sie, daß sich ihre Eltern ihretwegen zerstritten hatten, und Beran zusammen mit Del und Rana das Land verlassen hatte. Skadi suchte die Götterkönigin, um Allins Tod zu rächen, aber Cynera verhohnte sie und wich einen Kampf aus. Von der Regenbogenbrücke herab drohte sie ihr, falls sie es wagen sollte, sich gegen sie und die anderen Götter zu stellen.

Skadis meerblaue Augen flammten in ohnmächtiger Wut auf, doch war die Göttin bereits im Himmel verschwunden. Sie wandte sich ab, um zu ihrem Lager zu gehen, und erblickte eine schöne Frau mit langem weißem Haar. Sie zeigte sich Skadi von der rechten Seite, bekleidet mit einem langen weißen Gewand.

Was macht dich so zornig, Skadi?

Die Überheblichkeit und Willkür der Götter.

Fürchtest du denn nicht ihre Macht?

Nein, denn Kalmos verriet mir, daß mir kein Gott jemals ein Leid zufügen wird. Aber weshalb interessiert dich das? Wer bist du?

Der Wind ließ das Gewand der fremden Frau flattern. Etwas schwarzes blitzte auf, und in Skadi stieg eine unbestimmbare Furcht auf. Die Unbekannte lächelte.

Ich bin sicher, du weißt, wer ich bin. Warum bittest du nicht mich, dir zu helfen? Sorghum ist mein Feind, und ich finde Mittel und Wege, die er nicht benutzen darf, um ihm zu schaden.

Geh fort, du bist der Tod und bringst jedem Tod, der sich mit dir einläßt.

Kein Gott kann dir etwas anhaben, Skadi, versuchte Turag sie zu beruhigen, also auch ich nicht. Kalmos schreibt das Buch des Schicksals. Er darf nur wenig verraten und lenkend eingreifen, damit sich das Schicksal erfüllt. Ich las eine Seite seines Buches, auf der geschrieben stand, daß Cynera ihre Strafe durch deine Hand erhält.

Skadi mißtraute Turag. Wie soll das möglich sein? Ihr Götter seid unsterblich und habt mächtige Zauber.

Und mit ihrem eigenen mächtigen Zauber kann man sie schlagen. Sie sterben zwar nicht wie ihr Menschen, deren Seelen zu mir kommen, sondern in ihrem Körper erreichen sie die Unterwelt.

Skadi seufzte tief. Was kann ich schon gegen Cynera ausrichten? Wenn du mir wirklich einen Gefallen tun möchtest, dann laß mich mit Allin sprechen.

Turag schüttelte den Kopf.

Das geht leider nicht. Wenn Dämonen sterben, so verflüchtigen sie sich, denn sie haben keine Seele, die in mein Reich gelangen kann. Aber ich möchte dir etwas anderes geben, nämlich Unsterblichkeit und Macht, wie sie hinter der meinen nicht zurücksteht.

Es war ein verlockendes Angebot, aber Skadi blieb vorsichtig.

Was willst du dafür?

Turag lachte leise.

Du bist klug Skadi, ich will tatsächlich etwas, aber das ist verhältnismäßig wenig im Vergleich zu dem was du dafür bekommst. Sie machte eine kurze Pause. Ich möchte dafür ein bißchen von deiner Seele haben, denn du kannst als richtiger Mensch nicht unsterblich werden.

Jetzt lachte Skadi.

Wie willst du meine Seele bekommen ohne mich zu töten?

Das ist in diesem Fall kein Problem, sie wird von selbst zu mir kommen. Dir wird nichts dabei passieren und du wirst es nicht einmal merken.

Einen Moment lang zögerte Skadi noch, doch dann erinnerte sie sich Cyneras Hohn und die Prophezeiung von Kalmos.

Ich bin mit deinen Bedingungen einverstanden, Turag. Was muß ich tun?

Jira, die Katze, Cyneras Liebling, wird heute um Mitternacht an Cyneras favoriten Teich beten, um noch mehr Kinder zu bekommen. Ziehe dir ein schwarzes Gewand an und töte sie mit diesem Dolch. Dann werde ich dir wieder erscheinen.

Turag verschwand, und Skadi hielt einen silbernen Dolch in den Händen. Es war eine schlanke Waffe mit langer, scharfer Klinge.

Mitternächtliche Finsternis und Stille überzog das Land. Die Oberfläche des kleinen Teiches kräuselte eine leichte Brise im milden Licht des Vollmondes. Eine schlanke, helle Gestalt stieg aus dem Wasser, ergriff das bereitliegende Tuch und trocknete sich mit geschmeidigen Bewegungen ab. Dann bekleidete sich Jira mit einem sauberen Gewand. Vor den Blumen, die sie kreisförmig aneinandergereiht hatte, um Cynera zu erfreuen, knietete sie zum Gebet nieder.

Da huschte eine schwarzgekleidete Gestalt zwischen den Büschen hervor. Mit einem singenden Geräusch fuhr die glitzernde Klinge in Jiras Nacken. Der Mord war so schnell ausgeführt worden, daß sie nicht einmal mehr den Schmerz spürte. Keuchend stand Skadi über der Leiche. Lange hatte sie gezaudert, ob sie sich auf diesen Pakt einlassen sollte, der mit einem Mord besiegelt werden sollte, doch, daß Jira Cynera verehrte, hatte Skadis Haß über alle anderen Empfindungen siegen lassen.

Der Wind schien leise zu wimmern und bewegte Turags Gewand. Die Seite, auf der der schöne Kopf saß, war weiß, die andere schwarz. Um ihren Hals ruhte die sechs-reihige Kette aus den Tränen der Verstorbenen. Sie wandte Skadi ihr häßliches Antlitz zu.

Schneide das Herz heraus, damit ich mich an seinem Blute laben kann.

Skadi gehorchte mit zusammengebissenen Zähnen. Sie öffnete den Brustkorb der Toten und trennte das noch warme Herz heraus, von dem dunkles Blut herab tropfte und ihr Gewand besudelte. Turag nahm es mit ihrer schwarzen schnuppigen Hand, an der sich lange Krallen befanden, entgegen. Sie schob das Herz zwischen die Lippen. Skadi schauderte, doch zwang sie sich, nicht dem Blick von der Todesgöttin zu wenden.

Als Turag ihr gräßliches Mahl beendet hatte, drehte sie sich so, daß Skadi sie von vorne sah.

Du sollst als einzige meine beiden Gesichter gleichzeitig sehen, denn du wirst ein bischen sterben und dennoch die Unsterblichkeit erlangen. Bist du bereit?

Skadi nickte. Zunächst geschah nichts, doch dann fühlte sie eine unheimliche Kälte in sich, als ein Stück ihrer Seele von ihr ging.

So siehe her! Du wirst nun alles mit den geschärften Augen eines Zwieweltgeschöpfes sehen. Der dunkle Schleier über Jiras Leiche, ist ihre Seele. Friß sie!

Skadi schaute den Schatten an, der widerstrebend auf sie zuglitt. Sie öffnete den Mund und er glitt hinein. Sie spürte nichts, nahm keinen Geschmack wahr, doch eine seltsame Kraft durchfloß ihre Adern. Die Kälte war vergessen. Turag lachte schallend.

Nun bist du unsterblich und kannst warten, bis die Zeit für deine Rache reif ist, doch wirst du dich künftig von Seelen ernähren statt von menschlicher Nahrung. Und dies, wies sie auf ein riesiges, schwarzes Gebäude, ist mein Tempel, den die Dämonen für mich gebaut haben. Du bist meine Priesterin, die darin leben und mir opfern wird.

Langsam schritt Skadi auf das Portal zu, den Kopf einer Schlange, der aus schwarzem Basalth geformt worden war. Der Mond verschwand hinter einer Wolke, als wolle er nicht mehr auf das Grauen blicken.

Die Jahre vergingen während die Zeit an Skadi vorbei ging ohne daß sie älter wurde oder etwas von ihre Schönheit einbüßte. Sie lebte im Tempel, in dessen Nähe ein kleines Dorf namens Kenzai zur Hauptstadt des Vanerareiches wuchs. Regelmäßig verschwanden Menschen, doch da ständig Fremde kamen und wieder gingen oder es zu Tode verurteilte waren, fiel es nicht weiter auf. Sie fanden ihr Ende auf Turags Altären, ihre Seelen erhielten Skadis Leben. Doch schon bald hatte sie erkannt, daß sie einen noch viel höheren Preis hatte zahlen müssen, nämlich den der Einsamkeit.

Die Menschen verehrten sie als Mittlerin Turags, doch fürchteten sie sich vor ihr oder haßten sie für den Verlust ihrer Angehörigen. Nur Bittsteller wagten, den heiligen Bezirk zu betreten und das auch nur in höchster Not. Manchen hübschen, jungen Mann betörte sie mit ihrer Schönheit und mächtige Fürsten überschütteten sie mit kostbaren Geschenken für eine Liebesnacht, doch waren es die Dämonen, zu denen es Skadi zog, denn mit diesen seelenlosen Geschöpfe fühlte sie, die selbst ein Teil ihrer Seele verloren hatte, sich mehr verwandt.

Die Dämonen verrieten ihr im Laufe der Zeit viele mächtige Zauber und weihten sie in ihre Liebeskünste ein. Und Skadi wartete noch immer auf ihre Rache an Cynera, als die Göttin den Krenat die Flut sandte und von Sorghum, den sie blendete, auf die Erde verbannt wurde.

In Kenzai wurde Ygrainor zum dritten König der Vanera gekrönt. Er war ein gutaussehender Mann mit langen, blonden Locken, vor dem keine Frau sicher war. Wie es ihm gefiel, nahm er edle Frauen, Dienerinnen seines Palastes oder einfache Mädchen aus dem Volk ohne Rücksicht auf deren Familien oder die Jugend mancher Opfer.

Eines Tages betrat er den heiligen Bezirk des Tempels der Turag. Da sie von seinem Kommen wußte, erwartete Skadi ihn am Portal. Ohne den vorgeschriebenen Ritus zu bachten, eilte er zu ihr, aber Skadi hob die Hand.

Halt, Ygrainor! Du entweihst den Tempel Turags, wenn du noch näher kommst.

Was interessiert mich Turag, machte er eine wegwerfende Handbewegung. Du bist es, zu der ich komme. Ich wollte es schon früher, fand aber erst jetzt den Mut, Erhabene. Ich liebe dich! Du bist die schönste Frau, selbst die Göttinnen können sich nicht mit dir vergleichen.

Skadis Mine verfinsterte sich.

Verlasse den Tempelbezirk, sonst wird Turag dich für deine Blasphemie strafen.

Ygrainor fiel vor ihr auf die Knie und schlang die Arme um sie.

Ich will dich haben! Ich muß dich besitzen, um nicht verrückt zu werden. Die schönsten und kostbarten Stücke meiner Schatzkammern sollen dein sein.

Sie stieß ihm von sich und sah ihn kalt an.

Ich verachte dich, Ygrainor. Wage nicht, noch einmal hierher zu kommen, sonst...

Er sprang Skadi an und riß sie zu Boden.

Vor dir habe ich keine Angst. Du bist auch nur eine Frau, Skadi, und wenn du dich auch zierst, in Wirklichkeit willst du mich genauso haben, wie ich dich.

Keuchend preßte er seinen Mund auf den ihren. Skadi, die sich heftig wehrte, bis zu. Ygrainors Griff lockerte sich und Skadi begann, einen Zauberspruch zu rufen. Zornig hob der König die Faust und schlug auf sie ein, bis sie bewußtlos liegen blieb. Dann fetzte er das Gewand von ihrem Körper. Einen Moment nahm er sich Zeit, ihn zu betrachten. Sie war noch begehrenswerter, als er es sich in seiner kühnsten Phantasie ausgemalt hatte. Lachend warf er sich auf sie.

Skadi kam langsam zu sich. Es war finster und kalt um sie. Sie begann sich zu erinnern, und Haß loderte wie eine allesverzehrende Flamme auf.

Ygrainor, zischte sie, sich langsam erhebend, du wirst das Ende dieses Mondes nicht mehr erleben. Das schwöre ich bei Turag!

Ihr ganzer Körper schmerzte und blutete an manchen Stellen. Sie betrat den Tempel und kniete vor dem riesigen Standbild der Göttin nieder.

Oh, Turag, sieh deine geschändete Dienerin an. Räche die Schmach, die man mir, und somit dir, vor deinem heiligen Haus angetan hat.

Die Edelsteine in den Augenhöhlen der Skulptur leuchteten auf und erfüllten das Abbild mit unheimlichen Leben.

Niemand darf dir ungestraft ein Leid zufügen, flüsterte die Göttin mit ihrem häßlichen Kopf. Was begehrst du von mir?

Gib mir ein Mittel, mit dem ich Ygrainor auf die grausamste Weise sterben lassen kann.

Es sei dir gewährt. Komm zu mir!

Skadi gehorchte und trat auf die ausgestreckte Rechte Turags. Der steinerne Arm erhob sich und hielt vor den Lippen des schwarzen Gesichtes, die sich leicht öffneten.

Komm, flüsterten sie, komm in mein Reich.

Skadi gehorchte. Kaum war sie in Turags Mund geschlüpft, umfing sie undruchdringliche Finsternis. Sie glaubte, in die Tiefe zu stürzen. Der Fall endete vor Turags Thron im Reich der Toten. Die doppelköpfige Göttin saß auf einem imposanten Thron, der aus den Gebeinen der Toten gefertigt war. Leuchtende Rubine zierten ihn in verschwenderischer Pracht. Zwei riesige schwarze Dämonen standen zu beiden Seiten mit erhobenen Krummsäbeln. In der Nähe stand ein anderer Dämon, der auf den Wink der Göttin aus einer funkelnden Karaffe Blut in einen goldenen Pokal goß und mit einer silbernen Schale voller Herzen aufwartete. Schwarze Flammen erhellten nur spärlich den endlosen Raum, durch den wimmernde Seelen der Verstorbenen huschten.

Turag erhob sich von ihrem Thron. Sie betrachtete die Priesterin.

Willst du Ygrainor den schrecklichsten aller Tode erleiden lassen?

Ja.

Bist du bereit, den Preis dafür zu zahlen?

Was immer du von mir verlangst, sollst du haben.

Turag trat noch etwas näher. Ihre zarte Hand berührte leicht Skadis Gesicht.

Du bist wunderschön, Skadi, viel schöner noch als Emariel. Ich möchte dein Gesicht haben.

Mein Gesicht?

Ja, und sei gewarnt, mein Geschenk stammt aus dem Dämonenreich und wird an deiner Seele zehren, um dich in die Zwiewelt zu ziehen. Es wird dich eines Tages zum Dämonen machen. Willst du es noch immer?

Es durchfuhr Skadi heiß. Doch dann senkte sich Eiseskälte in ihr Herz.

So nimm mein Gesicht, und gib mir Ygrainors Tod.

Turag lächelte, und Skadi fühlte ein Prickeln in ihrem Gesicht, ein Ziehen und - nichts mehr. Es war, als wäre es nicht mehr da. In der Klauenhand der Göttin ruhte ein weißes, maskenähnliches Gebilde. Mehr konnte Skadi nicht erkennen, denn Schwärze hüllte sie ein und das Fallgefühl ergriff Besitz von ihr. In ihrem Ohr erklang Turags Stimme.

Ygrainor wird noch heute nach sterben. Dein Antlitz wird ihm den schlimmsten aller Tode erleiden lassen, denn es ist ein wahrhaft dämonisches Antlitz. Du hast jetzt ein kleines bißchen von einen Dämon an dir, aber ein großes bißchen mehr als vorher, und es wird immer mehr werden. Das ist mein Geschenk für dein Gesicht!

Skadi befand sich wieder im Tempel. Sie kleidete sich in ein kostbares Gewand und ging wie im Traum zum Palast. Es war Nacht, und alle Menschen schliefen. Niemand sah sie, denn niemand erwachte, da Skadis Zauber über Kenzai lag. Allein Ygrainor ging in seinem Palast unruhig auf und ab, als ahnte er die Gefahr. Er schrak zusammen beim leisesten Geräusch. Eine Diele knarrte. Ein Fenster bewegte sich quietschend im Wind. Er sprang hin, um es selbst zu schließen, da kein Diener auf seinen Ruf reagierte. Da sah er die Gestalt im schwarzen Gewand über den Hof schreiten. Das Haupt war verschleiert, so daß er nicht erkennen konnte, wer es war.

Ygrainor schrie entsetzt nach den Wachen, denn sein Instinkt sagte ihm, daß der Tod seinen Palast betrat. Er hatte ganz vergessen, daß er als einziger wach war. Er rannte aus dem Thronsaal, vorbei an schlafenden, zusammengesunkenen Gestalten.

Ein lauter Knall ließ ihm erstarren. Das Portal war aufgebrochen worden! Ygrainor entriß einem Soldaten sein Schwert und floh die Treppe hinauf. Er mußte sich irgendwo verstecken. Sicher gab es einen Ort, wo die Gestalt ihn nicht finden würde.

Dicht hinter sich hörte er einen neuen Knall. Nun war der Vermummte im Thronsaal. Keuchend hastete Ygrainor weiter. Die Treppe schien endlos. Dann erreichte er eine Tür. Hinter ihr lagen seine Gemächer, aus denen ein Geheimgang aus dem Palast führte. Ygrainor schlug sie hinter sich zu, doch sprang sie berstend auf, noch ehe er den rettenden Gang erreichen konnte. Er blieb stehen, das Schwert kampfbereit erhoben. Da erkannte er die Gestalt.

Skadi!

Eine trügerische Erleichterung machte sich in ihm breit. Er ließ die Waffe sinken und lachte befreit auf. Daß die Füße der Priesterin den Boden nicht berührten, bemerkte er nicht.

Du bist es! Bist du gekommen, um den Fluch, den die Götter über Kenzai warfen, aufzuheben?

Nein, sagte Skadi mit einem seltsamen Unterton in der Stimme. Ich bin zu dir gekommen.

Zu mir?

Ich konnte deinen letzten Besuch im Tempel nicht vergessen.

Ygrainor starrte sie an, dann brach er in dröhnendes Gelächter aus.

Ich wußte es, du bist verrückt nach mir, wie alle Frauen. Skadi..., er breitete die Arme aus, komm, küß mich.

Er drückte sie an sich und zog an ihrem Schleier.

Den brauchst du nicht...

Das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Ohne es richtig erfassen zu können, was er da sah, wußte er, daß es ihm den Tod bringen würde. Dies war nicht mehr Skadi, die schöne Priesterin, sondern ein Wesen mit dämonischen Eigenschaften. Der Wahnsinn griff nach ihm und löschte jedes Denken aus, ohne daß er den Blick von dem Etwas nehmen konnte, daß an der Stelle des Gesichtes sich befand. Es war faszinierend und abstoßend zugleich, aber mit nichts vergleichbar, was es auf der Erde gab. Stöhnend brach er zusammen. Noch immer starrte er es an, bis das Leben aus seinem Körper wich und die gemarterte Seele in Turags Reich floh.

Die Völker der Vanera und Krenat trennten sich voneinander, nachdem der Tronen von Turag gesandt und von Sorghum in seine Schranken gewiesen worden war. Emariel zeugte mit Donneradler die fünf Halbgötter in Pardos, und Shalani führte die Magier aus dem Nördergebirge.

Skadi führte ihr einsames Leben im Tempel wie zuvor. Sie opferte Turag die Herzen der Menschen und nährte sich von ihren Seelen. Die Menschen fürchteten sie noch mehr als vorher, aber sie kamen noch immer, wenn sie ihre Hilfe benötigten. Nur noch selten nahm sie einen Geliebten der kein Dämon war, zu denen sie sich noch mehr hingezogen fühlte als je zovor. Ihr Gesicht vermißte Skadi nicht, zumindest gestand sie es sich nicht ein. Das dämonische Etwas, das jetzt seine Stelle einnahm, verbarg sie hinter einer silbernen Wolfsmaske. Als Gefährten wählte sie einen riesigen grauen Unterweltswolf, der ihr als Reittier diente.

Langsam begann Skadi sich zu verändern. Sie wußte, daß sie dabei war, zu einem Dämon zu werden. Ihr Dämonengesicht zog sie unaufhaltsam in die Zwiewelt hinüber. Äußerlich merkte man es nur daran, daß ihre Füße nicht mehr den Boden berührten, sondern ein Stück darüber schwebten. Tatsächlich lief sie auf dem Boden der Zwiewelt, die für Menschenaugen unsichtbar ist, während sie beide Welten sah. Auch warf sie keinen Schatten mehr, war unempfindlich für Temperaturen, Schmerzen und Nässe. Sie wurde unverletzlich für irdische Waffen und Gifte. Der Preis dafür war die Metamorphose, die Skadi oftmals schaudern ließ, wenn sie an das Ende dachte, doch dann erinnerte sie sich an Cynera, die von Sorghum auf die Erde verbannt worden war.

*

Es war schon fast Morgen geworden, und der Kristall zerfiel.

Die Lears bewegten sich unruhig. Sie standen immer noch unter dem Eindruck der Bilder, die der Splitter von Sorghums Auge ihnen gezeigt hatte. Der Bann wich langsam, und das Gesehene wurde ihnen erst richtig bewußt. Rabe kniete neben Skadi nieder, die noch immer bewußtlos auf der Erde lag. Der Schock, den der Kristall ihr versetzt hatte, war zuviel gewesen.

Sie frißt Seelen, sagte Perle mit leiser, ruhiger Stimme, um dann laut aufzuschreien, und sie wird auch unsere Seelen fressen. Sie hat alle getötet, die in den letzten Wochen verschwanden. Sie ist eine Dämonin, die uns alle umbringen wird, wenn wir ihr nicht zuvorkommen.

Rabe blickte auf. Du weißt, daß nichts sie töten kann. Außerdem brauchen wir sie.

Ach was! Wir sollten sie Schatulle an uns nehmen, und sie gefesselt hier liegen lassen. Was wird wohl geschehen, wenn sie einige Tage keine Seelen mehr bekommt?

Was auch immer, entgegnete Rabe, sterben wird sie bestimmt nicht. Aber dazu wird es ohnehin nicht kommen, da ihr Wolf sie befreien würde.

Dennoch ist es ein Versuch wert! Wir sollten uns ihrer entledigen.

Die anderen Seefahrer nickten zustimmend.

Wir sollten uns aus den Angelegenheiten der Festlandbewohner heraushalten, wurde Perle von Abendwolke unterstütze. Wir kamen mit dir, um in Pardos Schätze zu finden, aber nicht, um den Krieg der Vanera und der Krenat auszufechten.

Feuervogel legte seine Hand auf Rabes Schulter.

Sag jetzt nichts, Freund. Notfalls gehen sie auch ohne dich zum Schiff zurück, denn niemand will seine Seele an einen unersättlichen Dämon verlieren.

Rabe biß sich auf die Unterlippe. Er wußte, daß er verloren hatte. Insgeheim war es seine Hoffnung gewesen, dieses Geheimnis zu bewahren, bis sie an die Küste kamen. Dann hätte er vielleicht eine Lösung gefunden. Doch nun würde sich seine Mannschaft weigern, die Reise mit Skadi fortzusetzen.

Was habt ihr vor? fragte er leise.

Wir werden Perles Vorschlag ausführen. Aber was ist mir dir?

Den Bann des Kristalls gab es nicht mehr, und Rabe konnte wieder frei denken. Die Vernunft riet ihm, sich nicht gegen seine Leute zu stellen und Skadi ihrem Schicksal zu überlassen. Doch seine Liebe war unverändert. Noch mehr als zuvor wünschte er, sie wieder in die Menschenwelt zurückholen zu können.

Schließt du dich uns an oder...?

Perle vollendete die Frage nicht. Rabe hatte sich entschlossen.

Ich bleibe hier!

Der Hieb von Feuervogel kam so schnell, daß ihm keine Zeit für eine Gegenwehr blieb. Bewußtlos fiel er auf Skadi.

Los! kommandierte Feuervogel. Fesselt alle beide und brecht die Zelte ab. Krake und Silberfuchs, verteilt euer Gepäck und tragt Rabe. Wir ziehen sofort weiter. Je schneller und weiter wir von Skadi wegkommen, um so besser.

Unbehaglich blickte er in die gelben Lichter des Unterweltwolfes, der ihm aufmerksam zu lauschen schien.

*

Die Sonne stand hoch am Himmel, als die Seefahrer weiterzogen. Aus Furcht, von Skadi eingeholt zu werden, schritten sie zügig voran, so daß sie noch ein großes Stück ihres Weges bewältigten, bis die Nacht hereinbrach. Sie bauten ihre Zelte auf, und Perle kümmerte sich um Rabe, der allmählich zu sich kam. Sie waren nun schon so weit von ihrem vorherigen Lager entfernt, daß man ihm die Fesseln abgenommen hatte.

Rabe erwachte, als etwas feuchtes über seine Stirn wischte. Er schlug die Augen auf, die sich langsam an das im Zelt herrschende Dämmerlicht gewöhnten. Über ihn beugten sich Perle und Feuervogel.

Wie geht es dir? fragte Feuervogel.

Wie es einem halt so geht, wenn man eine Beule am Kopf hat. Mußtest du so fest zuschlagen?

Tut mir leid, aber es geschah zu deinem Besten.

Ein Funken Mitleid glomm in Rabes Augen.

Ihr Dummköpfe! sagte er. Ich wette, noch bevor wir am Meer sind, sehen wir Skadi wieder. Und was dann passiert...

Jedenfalls bist du jetzt von ihrem Bann befreit, rief Perle dazwischen. Der Kristall ist, nachdem er die Wahrheit über die Priesterin ans Tageslicht gebracht hat, zu Staub zerfallen. Nun kann sie dir nichts mehr anhaben.

... was dann passiert, haben wir uns selbst zuzuschreiben.

Du glaubst, sie wird sich rächen? fragte Feuervogel.

Möglich. Ich hatte gehofft, daß wir die See erreichen, ohne daß sie jemanden tötet. Dann hätten wir vielleicht eine Lösung gefunden, ihren Seelenhunger zu stillen.

Willst du damit sagen, du hast es gewußt?

Rabe nickte.

Das Grauenhafte im Tempel - wir wollten nichts verraten, um niemanden zu beunruhigen - das war ihr Gesicht. Es spiegelte sämtliche Seelen wieder, die sie in ihrem Leben gefressen hat.

Was sollen wir tun? wollte Perle wissen.

Abwarten!

Feuervogel erhob sich, reckte sich und gähnte.

Na schön. Dann werde ich abwarten und ein bißchen schlafen. Während du träumtest, sind wir nämlich ganz schön weit marschiert. Gute nacht.

Er schlug die Plane zurück und ging hinaus. Perle wischte wieder mit dem feuchten Tuch über Rabes Stirn, an der eine dicke Beule prangte. Unwirrsch schob er ihre Hand beiseite.

Hör auf! Ich bin nicht krank.

Geht es dir wirklich gut?

Wenn ich es dir sage. Du kannst ruhig schlafen gehen. Ich komme schon allein zurecht.

Aber Perle ging nicht.

Du stehst nicht mehr unter Skadis Einfluß und doch denkst du noch immer an sie.

Sie rückte etwas näher und öffnete ihre Bluse.

Ich werde dafür sorgen, daß du sie vergißt.

Rabe war einen Moment sprachlos. Es hatte schon viele Frauen in seinem Leben gegeben, auch nachdem ihm der Kristall die schöne Priesterin gezeigt hatte. Bei einer anderen hätte er die sich ihm bietenden Gelegenheit ergriffen, doch er wollte Perles echte Zuneigung nicht ausnutzen, zumal er wußte, daß Feuervogel sie liebte. So griff er nach ihren Händen und hielt sie fest.

Nein, Perle, hör auf damit. Ich liebe dich nicht und will dich nicht ausnutzen. Du solltest deine Zeit nicht mit mir verschwenden, sondern deine Zuneigung jemandem schenken, der sie verdient und erwidert.

Zum Beispiel Feuervogel, bemerkte Perle spöttisch.

Ja, zum Beispiel. Nun zieh dich wieder an. Es ist besser...

Warum läßt du es mich nicht versuchen? Was hat sie, was ich nicht habe? Sie hat nicht einmal ein Gesicht. Denke daran, wie alt sie ist! Skadi ist einer der ersten Menschen, aber das Schicksal hat sie zu einer Dämonin gemacht.

Sie warf sich an seine Brust, und Rabe hielt sie einen Augenblick lang fest. Tief atmete er den herben Duft ihres Haares ein. Sie war jung, schön und begehrenswert - und sie liebte ihm! Was zog ihn eigentlich zu Skadi, fragte er sich. War es das geheimnisvolle Fluidum, das sie umgab? Die Gefahr, die von ihr ausging? Oder...? Er wußte es selbst nicht. Er küßte Perle, deren Nähe ihn zu verwirren drohte, doch dann löste er sich aus ihren Armen.

Es ist besser, du gehst jetzt, sagte er schweratmend ohne sie anzusehen. Ich würde dich nur unglücklich machen.

Enttäuscht und erzweifelt sah Perle ihn an. Hastig schloß sie ihre Bluse und rannte mit Tränen in den Augen aus dem Zelt.

*

Am nächsten Morgen setzten die Lears ihren Weg fort. Die Reise verlief ereignislos. Die ehemalige Wüste war menschenleer, denn die Nachricht, daß das einst so öde Land fruchtbar geworden war, mußte erst unter den Menschen verbreitet werden. Auch von Skadi gab es keine Spur. Cynera schien sie noch nicht entdeckt zu haben oder ihr Vorgehen abzuwägen.

Drei Tage vergingen, vier Tage, der fünfte Tag brach an, als Feuervogel, der mit Rabe an der Spitze ging, plötzlich tief einatmete.

Freunde, rief er, ich kann das Meer riechen. Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Seht ihr die Düne? Dahinter...

Er verstummte und blieb abrupt stehen. Die übrigen Seefahrer schlossen zu ihnen auf und starrten ebenfalls auf die Düne. Dort stand eine schlanke Gestalt im langen roten Gewand. Eine frische Brise, die vom Meer kam und den Geruch nach Salz mit sich brachte, bauschte den schwarzen Umhang. In der Mittagssonne glitzerte die silberne Maske. Sie stand unbeweglich da, die Linke auf dem Kopf des Unterweltwolfes, und wartete.

Skadi! hauchte Perle und wußte, daß sie Rabe nun endgültig verloren hatte.

*

Nach dem Überfall durch die Uroks waren Tagen vergangen, die sich zu Wochen reihten, und nichts weiteres passierte. Immer noch wurden jeden Nacht Wächter aufgestellt, und dieser Nacht war Tilkan an der Reihe gewesen. Kyrdo, der wie immer früh aufgestanden war, begab sich zum Hügel, wo sie einer kleinen Hütte gebaut hatten um der Wachter gegen schlechtes Wetter zu schützen.

Groß war seine Überraschung, als er gar niemand vorfand. Die Hütte war leer, das Feuer ausgebrannt und die Vorräte, die jeden Tag ergänzt wurden, unangetastet.

Die Uroks, war Kyrdos erste Gedanke. Er konnte aber keine Spur von einem Kampf entdecken, es war vielmehr so, als wäre kein Mensch dagewesen.

Er drehte sich um, und ging den kurzen Weg zum Dorf zurück. Vor die Höhlen waren inzwischen mehrere Hütten entstanden, die gemütlicher und einfacher zu heizen waren als die Höhlen.

Bei einer dieser Hütte konnte er plötzlich Bewegung erkennen, er glaubte, es war Andras Wohnung. Kyrdo, der immer noch befürchtete, es hätte doch einen Überfall der Uroks stattgefunden, beschleunigte seine Schritte, und schon bald erkannte er Tilkan und Durgarol, die sich offenbar stritten. Augenblicke später konnte er auch ihre Stimmen hören, und er erkannte noch eine dritte Gestalt, die offenbar versuchte, sich zwischen den Beiden zu stellen: Andra.

Als Kyrdo sie erreichten, zog er Tilkan und Durgarol mit Gewalt auseinander, und schrie: Was ist hier los?

Tilkan rang noch nach Atem, als Dungarol antwortete: Ich habe ihm ertappt, wie er Andra belästigte!

Nicht wahr! schrie Tilkan, und hätte sich erneut auf Dungarol gesturzt, wenn Kyrdo ihm nicht zurückgehalten hatte. Ich habe sie nicht belästigt, sie hat mir selber eingeladen.

Wieso sollte sie dir einladen? konterte Dungarol. Gestern noch hat sie ganz deutlich gezeigt, daß sie mir dir gegenüber vorzieht.

Was? Wo hast du diesen Unsinn her?

Ruhe! donnerte Kyrdo, als die beiden Männern wieder die Fäuste hoben. Mund halten, beide! Andra, was ist wirklich passiert?

Andra wirkte eingeschüchtert. Ich weiß es nicht, erwiderte sie. Ich mag sie beide gern. Tilkan fragte mir gestern, ob er die Nacht bei mir verbringen könnte. Ich habe zugestimmt, schließlich haben beide das schon ofters getan. Und als es gerade Licht wurde, kam Dungarol hineingesturmt, und fing an, sich mit ihm zu prügeln.

Es dauerte einige Sekunden, bis Kyrdo sich realisierte, was Andras Aussage bedeutete. Dann verfinsterte seine Miene sich zusehends, und er fragte das Mädchen, Tilkan hat die Nacht bei dir verbracht? Aber er sollte doch Wache halten?

Andra sah ihm nur verständnislos an, Tilkan aber schien zu schrumpfen. Als Kyrdo sich langsam nach ihm umdrehte, stammelte er:

Nun, weißt du, es war so..., ich dachte..., eigentlich...

Hast du Jales Tod jetzt schon vergessen? Wie konntest du, unser aller Sicherheit auf dem Spiel setzen, nur eine Liebelei wegen.

Nun, es ist schon so lange her, und alles ist ruhig, und da dachte ich...

Verschwinde! Ich will dich heute nicht mehr sehen! Du wirst jetzt eine Woche jeden Abend Wache halten, und Ansar stehe dir bei, wenn du nicht da bist oder ich dich schlafend erwische!

Tilkan zog sich eilig in die Richtung seiner Höhle zurück und Andra sah ihm mit Tränen in den Augen nach. Als Dungarol sich ihr zuwandte, wehrte sie ihm ab und rannte fort, in der Richtung des kleinen Teiches.

Als das Auge Sorghums schon sein höchster Punkt am Himmel vorbeigewandert war, saß Andra immer noch am Teich und starrte traurig im Wasser. Sie hatte erkannt, daß sie so nicht weiter machen konnte. Sie mußte sich zwischen Tilkan und Dungarol entscheiden, konnte das aber nicht. Ihr war klar, wie immer auch ihre Entscheidung sein würde, was es für den anderen bedeuten würde. Sie war das einzige Mädchen in diesem Tal, mit zwei Jungen...

Wieder glaubte sie, die Umrisse eines Gesichtes im stillen Wasser des Teiches zu erkennen. Es war das gleiche jugendhafte Gesicht, das sie schon mehrere Male gesehen hatte. Kyrdo hatte gesagt, es wäre Skalv, der Wasserelf, aber sie glaubte das nicht. Eher schrieb sie das Gesicht ihre eigene Pahntasie zu.

Sie starrte es an, und es schien zu lächeln. Sie gab ein forziertes Lächeln zurück, aber dann glattete ihr Gesicht sich wieder.

Ich spinne, dachte sie. Jetzt lache ich schon dem Teich zu. Oh, wenn ich nur wußte, was ich tun sollte...

Vielleicht kann ich dir helfen? flüsterte es irgendwo.

Andra sah sich gehetzt um, aber es war nichts zu sehen, nur das Gesicht im Wasser, das sich jetzt immer mehr zu verfestigen schien.

Ich bin hier, hörte sie, und jetzt sah sie den Mund bewegen. Sie gab sich einen Ruck, während die sanfte Stimme weiter sprach.

Du weißt wer ich bin. Ich bin der Wasserelf, und das hier ist meinem Tal. Ich erkenne alles, was hier vorgeht. Vielleicht kann ich dir helfen?

Andra studierte das Gesicht, das jetzt ganz klar im Wasser zu erkennen war. Es hatte eine hellblaue Farbe, wie das Wasser, und das leicht gewellte kurze Haar war fast die gleiche Farbe. Es war das Gesicht eines Kindes, vielleicht zehn Sommer alt - bis auf die Augen. Die Augen waren schwarz, und drückten großen Trauer aus.

Wie kannst du mir helfen? fragte Andra.

Ich weiß nicht, wie. Ich bin nur ein Elf, aber ich sehe, daß du großen Kummer hast. Ich sehe, daß du dich nicht zwischen deine beide Lieben entscheiden kannst. Willst du mir nicht davon erzählen?

*

Skadi wartete, bis die Lears heranwaren. Dann bestieg sie ihren Unterweltswolf und ritt langsam vor ihnen her. Rabe und Feuervogel starrten auf ihren Rücken.

Verdammt. Sie ist mir unheimlicher als je zuvor. Warum sagt sie nichts? Warum tut sie nichts? Sie müßte doch wütend darüber sein, daß wir sie gefesselt zurückließen, und sich rächen wollen. Wie konnte sie uns überhaupt überholen?

Ich glaube kaum, daß sie an billiger Rache interessiert ist. Wahrscheinlich lacht sie sogar über unseren kläglichen Versuch, sie loszuwerden. Sie weiß, daß sie uns jederzeit finden kann und uns zu irgend etwas braucht, sonst würde sie allein nach Mirador gehen. Frage mich nicht, wie, aber ich bin überzeugt, daß sie jederzeit an jeden Ort gelangen kann.

Du meinst, sie wird den Vorfall übergehen, da sie unserer sicher ist?

Genau.

Aber was sollen wir unternehmen, wenn sie eine Seele braucht?

Rabe seufzte.

Ich weiß es nicht. Ich denke schon seit dem Tempel von Pardos an nichts anderes, und ich weiß es wirklich nicht. Wahrscheinlich werden wir nichts unternehmen können.

Feuervogel sah ihn von der Seite an.

Manchmal meine ich, du stündest noch immer unter dem Bann des Splitters. Du nimmst alles hin, was sie sagt und macht. Vielleicht solltest du das Schwert nicht ständig tragen, schließlich ist es auch aus einem Augensplitter gefertigt.

Ich glaube nicht, daß es mich beeinflußt. Vielleicht hat mein Kristall noch einige Nachwirkungen, aber das Schwert hat nicht mehr diese Kraft - versicherte mir Fleet.

Das Mädchen kann dir viel erzählen, knurrte Feuervogel, So lange hat sie es schließlich auch nicht getragen. Möglicherweise wirkt es erst nach einer gewissen Zeit. Mir sagte Fleet, daß sie sich für eine gute Schwertkämpferin gehalten hat und die Magiere in ihr Shalani sahen. Im Kampf meinte sie, daß das Schwert sie führt, statt umgekehrt. Gibt dir das nicht zu denken? Lege es ab, Freund, solange noch Zeit dafür ist.

Nein.

Rabe sah seinen Freund fest an.

Du siehst Gespenster, ich nicht - und ich habe nicht die Absicht, welche zu sehen. Ich vertraue Skadi.

Feuervogel lachte hilflos.

Ich vertraue nur mir selbst, und was hat mir das eingebracht? Ich bin hier mit einem Verrückten, seinem Dämon und einer handvoll nicht minder verrückten Freunden.

Kopfschüttelnd gab er es auf. Perle gesellte sich zu ihm. Sie war schweigsam geworden, seit jener Nacht in Rabes Zelt, und ging den Anführer aus dem Weg. Leise unterhielt sie sich mit Feuervogel, während Rabe Skadi einholte.

Deine Leute haben nichts von mir zu befürchten, sagte sie, als er neben ihr ging.

Rabe nickte dankbar.

Wie bist du hierher gekommen?

Sie antwortete nicht. Er schaute sie von der Seite an, dabei fiel ihm etwas auf. An ihrem Gürtel bewegte sich etwas. Es war dunkel und erinnerte an Rauch, der sich leicht bewegte, aber nicht auseinander wehte.

Was ist das? fragte er.

Skadi war zum erstenmal erstaunt.

Du kannst es sehen? Ja, natürlich, gab sie sich selbst die Antwort, du trägst das Schwert. Es sind Seelen.

Ich dachte, die Seele ist unsichtbar.

Nur für Menschen. Dein Blick ist vom Schwert geschärft. Du kannst jetzt Zauberwerk und Zwieweltdinge erkennen.

Sie schwieg wieder.

Woher kommen die Seelen?

Ich fand sie... auf dem Weg. Nun gehe zu deinen Freunden, ich mag mich nicht mehr unterhalten.

*

Überrascht sprangen Fleet, Lardo und ihre Begleiter auf. Sie hatten geschlafen, um nocheinmal Kräfte zu sammeln, bevor sich ihre Wege trennten. Sofort griffen sie nach ihren Waffen, aber es waren keine Angreifer zu sehen. Der Boden vibrierte und ein langes, dumpfes Grollen wurde lauter und lauter.

Treibsand! schrie jemand. Der Boden gibt nach!

Hilfe! Hilfe!

Schnell, zu den Bäumen!

Aber ein Fortkommen war unmöglich. Der Boden zitterte so stark, daß sie zu Boden stürzten und sich nicht wieder erheben konnten. Ein starker Sturmwind fegte laut orgelnd über sie hinweg und schleuderte Sand, Steine und Äste auf die schutzlosen Menschen. Blautiger hatte sich schützend über Isana geworfen. Ein scharfer Stein zerfetzte sein Hemd und hinterließ eine blutige Spur auf seinem Rücken. Lardo hielt Fleets Arm und zog sie in die kümmerliche Deckung eines Strauches.

Dann war es plötzlich vorbei. Die Ruhe war richtig unheimlich, und nur zögernd erhoben sich die Vanera und Krenat. Keiner war ernsthaft verletzt worden, aber allen hatten einige Schürfwunden und Prellungen. Die Zelte dagegen waren gänzlich zerstört worden und die Pferde hatten sich losgerissen und waren fortgelaufen.

Fleet klopfte sich den Staub aus den Kleidern.

Wenn das Cynera war, meinte sie, dann, muß ich gestehen, habe ich mehr von ihr erwartet.

Was sollte es sonst gewesen sein? entgegnete Lardo. Droow, kann der Sturm natürlichen Ursprungs gewesen sein?

Die Klimaveränderung kann schon Stürme verursachen, aber nicht solche. Schaut zum Himmel, es gibt und gab keine Anzeichen dafür. Auch finde ich es recht merkwürdig, daß er zusammen mit einem Erdbeben hereinbrach. Wenn ihr mich fragt, ich bin sicher, das war ein Zeichen der Götter.

Na schön! Lassen wir es mit unseren Spekulationen bewenden. Früher oder später erfahren wir die Ursache bestimmt. Laßt uns unsere Sachen untersuchen und alles noch brauchbare zusammenpacken. Verteilt das Essen und versorgt eure Wunden, wir brechen bald auf. Fleet...

Ja?

Fleet drehte sich zu Lardo um. Sie hatte gerade zu den Überresten ihres Zeltes gehen wollen.

Du kommst wirklich nicht mit uns?

Es ist mein fester Entschluß zu den Grenzherzögen und den Steppenreitern zu gehen.

Bedenke, daß ihr nur zu dritt seid, und die Pferde fort sind. Der Weg ist weit und Cynera wird ihre Kristallkrieger auch nach Süden schicken.

Wir haben den Schlüssel. Ich hoffe, daß er uns schützen wird.

Dann, viel Glück. Ob wir uns wiedersehen...?

Bestimmt, lächelte Fleet.

*

Überall in der Welt vibrierte der Boden und mit lautem Getöse fegte ein Sturmwind über das Land. In Kenzai schreckte König Shyakul aus den zarten Armen seiner Geliebten, als der Palast erzitterte. Turags Tempel schwankte. Einige Häuser stürzten ein. Im Nördergebirge berichteten die Schmiede den Krenat, daß die Uroks wie verrückt durchs Erdinnere toben. Viele Schmieden stürzten ein, und das Feuer aus der Tiefe füllte zahlreiche Gänge. Aber keine wußte, was das Beben ausgelöst hatte, keiner außer die Menschen, die zurückgezogen in den Wäldern lebten und Wildpferde fingen. Sie erlebten, wie erst das Gebirge, dann der ganze Boden erzitterte. Laut barsten die Gipfel auseinander und eine dunkelgrüne, schuppige Pranke mit langen gelben Nägeln kam zum Vorschein. Ihr folgte eine zweite hand, die die mächtige Berge zur Seite schob und zermalmte, als wären sie aus Papier. Das glühende Feuer aus dem Erdinnern ergoß sich in mächtigen Strömen aus der Öffnung und walzte Bäume und Sträucher nieder. Die Hitze steckte alles, was verschont blieb von den Feuerströmen in Brand. Glühende Felsbrocken wurden hinabgeschleudert, als der Tronen aus dem Gebirge trat und bei jeder Bewegung einen starken Wind verursachte. Die Menschen, die nicht vom Feuer oder von den Steinen getötet waren, flohen. Mit langen Schritten stapfte der Tronen nach Nordosten. Er war mindestens fünfzig Mannslängen hoch und hatte die grüngeschuppte Haut einer Schlange. Sein Kopf war oval und hatte drei Augen, die schwarz waren wie die Abgründe der Unterwelt. Sein Schritt ließ den Boden selbst in vielen Mannslängen Entfernung noch erzittern, und er zertrat alles, was ihm in den Weg kam.

*